Der versunkene Blogeintrag

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie besonderen Ereignisse des 16. Mais sollten eine ganz besondere Erwähnung im Blog bekommen. Einen Ehrenplatz sozusagen. Losgelöst von all den anderen Erlebnissen.

Wie das Leben aber so spielt, kommt immer, wenn man etwas ganz besonders machen will und es deshalb für den richtigen Augenblick aufschiebt, etwas dazwischen. So ist es also passiert, dass es sage und schreibe 6 Monate dauerte, bis die Geschehnisse des 16. Mais ihre wohlverdiente Würdigung erhielten.

Also das war so:
Die Schwiegereltern waren zu Besuch. Auf St. Lucia. Im Mai 2013.
Nach diversen erfolglosen Angelversuchen tags zuvor wurden auch an diesem Tag die Leinen wieder zu Wasser gelassen. Das heißt, wir gehen segeln, ich krieg die gute Angel mit dem besten Köder und Friedrich und Brigitte kriegen eine Hand-Leine. Im Prinzip ist das nix weiter als eine Angelschnur, die um einen kleinen, schwarzen Plastikreif gewickelt wird. An der Leine ist natürlich auch ein Köder. Quasi ne Angel für Arme. Der Witz an der Hand-Leine ist, dass es wesentlich „intensiver“ ist, damit zu fischen. Kein technischer Schnick-Schnack einer modernen High Tech Glasfaser Angelroute, sondern „Natur pur“. Soll heißen, ab mit der Leine ins Wasser und das Ding bloß nicht wieder loslassen. Denn schon ohne Fisch dran zieht der Köder während der Fahrt ordentlich an der Leine und man spürt die Geschwindigkeit des Bootes, den Widerstand des Wassers und den Druck jeder Welle.

So vergeht mal wieder Stunde um Stunde.
Wir segeln weit raus. Mit dem Fernglas suche ich den Horizont ab, nach Vögeln, Walen, Delfinen oder anderen Fischerbooten. Immer auf der Suche nach Fisch. Wir kreuzen, Diana steuert. Wir quatschen. Genießen das herrliche Wetter, die frische Seeluft und den tollen Ausblick auf die so saftig grüne Insel St. Lucia.

Doch allmählich macht sich bei mir Unmut breit.
Das kommt beim Angeln immer so. Am Anfang ist man voller Tatendrang, voller Zuversicht, man redet schon über Zubereitungsvarianten, tauscht Rezepte und kleine Tricks aus. Man hat den Duft aus Ofen, Grill oder Suppentopf schon förmlich in der Nase. Doch mit der Zeit verfliegt dieser Duft und macht erst Wut, dann Trauer Platz.
Und es gibt nur noch einen Gedanken „Warum fange ich bloß nix – was mache ich bloß falsch?“ Denn wenn man schnorcheln geht, sieht man tausende Fische. Beim Segeln sieht man ganze Schwärme aus dem Wasser springen, so als wollten sie einem sagen „Schau nur, wir sind hier, es gibt uns wirklich!“

Und sowieso: andere Leute fangen ständig was. Riesenfotos von Riesenfischen geistern durch Facebook, YouTube und Co. Nur wir fangen halt nie was, na ja so gut wie nie.

Und so auch heute. Wir ziehen bestimmt schon wieder seit 4 oder 5 Stunden jeweils 3 Leinen hinter uns her. Immer mal wieder mit anderen Ködern. Nix da. Nada. Niente. Nothing!

Mir reicht´s für heute.
„Jetzt ist Schluß, Leute! Leinen rein, ab nach Marigot! Heutabend gibt’s Spaghetti Bolognese.“

Friedrich und ich lassen die Köpfe hängen.
„Macht nix, das nächste Mal vielleicht“, versucht Diana die Laune zu heben.
Von Wegen das nächste Mal. Immer sagt sie das. Immer. Und was dann? Wieder nix!
Ach, is doch Scheiße!

Wir fangen also an unsere Leinen einzuholen.
Nur Brigitte sitzt noch stoisch auf ihrem Platz, die Leine fest in der Hand, konzentriert, fokussiert, irgendwie seltsam hypnotisch dreinblickend.
„Einen kleinen Augenblick noch, ich fang gleich was“ murmelt sie. Oder hab ich mir das nur eingebildet, dass sie das murmelt?
Na ja, das wäre ja auch noch schöner, wenn die was fängt! So´n Greenhorn von der Schwäbischen Alb. Weiß zwar, wie man ´ne Schere richtig hält, aber vom Angeln versteht die ja wohl gar nix!

Wir rollen also weiter ein.
Doch ganz plötzlich ertönt ein gellend kreischender Schrei übers ganze Deck.
„Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeh, ich hab einen!!!!!!!“
Fast zu Tode erschrocken drehe ich mich blitzartig um.
Und da kniet sie. Meine Schwiegermutter. Beide Arme weit vom Körper gestreckt. Mit beiden Händen hält sie die schwarze Rolle mit der Leine krampfhaft fest. Und etwas zieht an ihr! Etwas Großes! Etwas ganz, ganz Großes…

„Jetzt lass die Leine bloß nicht los! Lass bloß nicht los!“ schreie ich sie hysterisch an.
„Lass bloß nicht…“

Im selben Augenblick sehe ich aus dem Augenwinkel einen langen, stromlinienförmigen, silbernen Körper hinter unserem Boot pfeilschnell aus dem Wasser in Richtung Himmel steigen!
„Mein Gott, was für ein Gigant, was für ein Kämpfer!“
Es sprudelt, es spritzt, es zappelt. Und dann ist wieder Ruhe. Und dann von vorne.
Langsam holen wir die Leine ein. Mit vereinten Kräften. Zentimeter um Zentimeter. Mit der Hand. Die straffe Sehne schneidet sich fast ins Fleisch…

Doch dann ist der Fisch ganz nah hinter uns. Man kann ihn jetzt schon genau sehen. Silbrig im Sonnenlicht funkelnd, dicht unter der Wasseroberfläche. Lange Schnauze. Kräftige Kiefer. Sehr große, sehr scharfe Zähne…

Und irgendwann hat Brigitte ihn raus. Etwas ängstlich und verdaddert schaut sie ihren großen Fang an. Schnappend zappelt er an ihrer Leine.
Wahrhaftig ein Great Barrakuda. Was für ein gefährlicher Räuber!

Alle an Bord performen plötzlich wie professionelle Schwertfisch-Hochsee-Fischer vor Alaska. Ein eingespieltes Team, wortkarg, angespannt, aber so als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Flink reicht mir Friedrich die Flasche weißen Rum und der Gute kriegt davon eine große Portion direkt in seine Kiemen – und ist sofort tot – ohne einen Tropfen Blut zu vergießen.

Dies ist natürlich immer der Augenblick, der einen kurz nachdenklich stimmt – wenn wir dann mal einen Fisch fangen. Aber der Augenblick vergeht auch wieder schnell. Denn was gibt es menschlicheres, ein Tier zu jagen, fair und alles gebend und es dann kurz und schmerzlos zu töten? Im Vergleich zu industrieller Massentierhaltung, quälenden Viehtransporten durch quer Europa oder mit Medikamenten vollgepumpten Gen-Fleischbergen erging es unserem stolzen Barrakuda eigentlich gar nicht so schlecht. Und schließlich steht es bestimmt immer noch 100 zu 7 oder so. Hundert Mal die Angel rausgehalten und nur ein paar Mal was gefangen…

Sowieso:
Es ist unglaublich, wie schwer es ist, Fisch zu fangen und was für ein Aufwand dafür betrieben werden muss. Und damit meine ich nicht nur unsere kläglichen Versuche, sondern die Fischer, die hier auf den Inseln davon leben müssen. Auf Dominica haben wir fürs Pfund fangfrischen Thunfisch oder Marlin 4 Dollar bezahlt. Auf dem Markt in Castries 7 Dollar für ein Pfund Mahi Mahi. Auf Anguilla, die Insel, auf der eine Übernachtung in einer Mittelklasse-Villa 1.000 Dollar und mehr kostet, haben Steffen und ich den Fischern 6 Dollar pro Pfund direkt am Boot gezahlt. Und ich sage euch, ich habe noch keinen reichen Fischer gesehen! Auf keiner Insel! Das ist ein unbarmherziger Job, hart, schlecht und lebensgefährlich. Auf der Passage zwischen Dominica und Martinique gingen innerhalb von nur einer Woche zwei Fischerboote auf See verloren. Tagelang mussten wir die Suchmeldungen der Französischen Küstenwache per Funk mit anhören. Und was bitte kostet Benzin? Ein mittelmäßiger Außenborder mit 60, 70 oder 115 PS kostet ganz schnell 20 oder 30.000 Dollar. Dann die Wartung und natürlich das Boot selbst. Wenn du zu so einem Boot kommst und die Fischer siehst, dann erzählen die Gesichter Bände. Und auf so einem Boot sind immer mindestens 5 oder 6 Leute. Männer mit Familien. Hier auf St. Lucia zum Beispiel fahren die Fischer in langen, Einbaum-artigen Booten raus. Super-schmal, vielleicht 50 oder 60 Zentimeter breit, die Bordwand vielleicht 30, 40 Zentimeter hoch! Und das bei meterhohen Wellen… Und in diesen archaischen Booten stehen (!!!) die Fischer alle hintereinander wie die Orgelpfeifen drin und fahren in einem Höllentempo raus auf die hohe See und kommen mit 1 oder 2 Eimern voll Fisch zurück. Wenn sie denn zurück kommen…

Was will ich damit sagen?
Fisch ist eigentlich viel, viel, viel zu billig!

Als wir das erste Mal auf Martinique angekommen waren, hatte ich in Fort-de-France das seltsame Bedürfnis, unbedingt zu McDonalds gehen zu müssen. Ein Quarter-Pounder mit „Käse“ – also ¼ Pfund-Burger – kleine Pommes und ´ne Coke gabs für satte 8,95 EURO. Das sind fast 13 Dollar! Natürlich müssen davon die Waldarbeiter bezahlt werden, die den Regenwald abholzen, um Weideflächen für die Rinder zu schaffen, natürlich müssen die Schlachtfabriken bezahlt werden, die LKW-Kolonnen, die Gefrierhäuser, die Lebensmittelchemiker, die Marketing-Fuzzies, das olle Pappbrötchen, das unterbezahlte Mädchen an der Friteuse, die Toilettenfrau und nicht zuletzt will auch noch der McDonalds-Aktionär an der Wall Street seinen ordentlichen Happen Dividende sehen. Dieses ganze, große Happy Meal hat also seinen Preis.

Aber warum stehe ich mit Friedrich auf dem Fischmarkt in Castries und sehe nichts anderes als vom Leben gezeichnete Fischer in zerlumpten Fetzen, die für ihren Fang kaum 7 Dollar pro Pfund bekommen?

Mann, manchmal ist die Welt einfach nicht in Ordnung.

Unsere Welt aber war an diesem Tag mehr als in Ordnung.
Brigitte war super stolz.
Friedrich etwas neidisch. Ich sowieso.
Diana mega-happy, weil sie sich so für ihre Mutter freuen kann.

Wir laufen in die außergewöhnliche Bucht von Marigot ein, sind umgeben von steilen Felswänden und üppiger Natur. Wir schmeißen den Anker, nehmen den Fisch aus.
Friedrich und ich genießen unser wohlverdientes Heineken.
Sprachlos, wie zwei Schwertfisch-Fänger.
Die Mädels stehen unten in der Küche und zaubern uns ein unvergessliches Menü mit dem wohl leckersten Fisch der Welt!

Petri Heil, Brigitte!
Gut gemacht!

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Ein Gedanke zu „Der versunkene Blogeintrag

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