Der längste Tag

IMG_4429Das Meer ist spiegelglatt. Wie ein zugefrorener Teich. Kein Segel oben, kein flattern, kein knatschen, kein Ton. Und auch der Motor läuft nicht mehr. Es ist muchsmäuschen still. Wir treiben. Wir driften. Und vor uns ein riesiger Vulkan mit einer schroffen Felsküste. Wie konnten wir nur soweit kommen? Was war bloß geschehen?

50 Stunden vorher:
Als wir in der Bucht vor Marigot Anker-Auf gehen, ist die ganze Nervosität der letzten Tage plötzlich wie weg geblasen. Es ist 10 Uhr morgens und es geht los. Wir hatten uns entschieden, in einem Stück von St. Martin direkt nach Martinique durchzusegeln. Ca. 250 Meilen, bei 5 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit also ca. 50 Stunden. Soweit die Theorie.

Bis jetzt sind wir immer von einer Insel zur nächsten gesegelt. Immer schön brav nacheinander. Klar waren da auch längere Strecken dabei, auch über Nacht. Aber nie länger als ein ganzer Tag. Es wurde also Zeit größere Schritte zu wagen. Im letzten Jahr waren wir bis nach Dominica gekommen, das war unser südlichster Punkt. Martinique war die nächste Insel, für uns aber damals wegen der beginnenden Hurricane Season nicht mehr erreichbar.

Martinique. Dieser Name, der so viele Kindheitserinnerungen in mir wach ruft.
Als Dritt- oder Viertklässler hatte ich das Buch „2000 Musketen für Martinique“ gelesen und geliebt.
In meinem kleinen Kinderzimmer.
In meinem kleinen Kinderbett.
In meiner kleinen Welt im Zonenrandgebiet.
Martinique, das war wie ein anderer Planet, wie eine ferne Vision. So weit weg, so anderes und nie im Leben erreichbar. Geschichten von gefährlichen Piraten, französischen Soldaten, stolzen Fregatten, reichen Plantagen und unbezwingbaren Forts. Wenn ich damals dieses absolute Lieblingsbuch heimlich mit der Taschenlampe las, roch es unter meiner Bettdecke nicht nach Bohnerwachs oder Spießigkeit, sondern nach Rum, Kanonendampf und Regenwald.

Und heute riecht es nach Ärger.

Tagelang hatten wir das Wetter gecheckt. Manchmal mehrmals täglich. Es sollte der perfekte Törn werden. Von St. Martin Richtung Süden. Auf der Windward-Seite vorbei an Saba, St. Eustatius, St. Kitts, Nevis und Montserrat. Den Antigua-Channel entlang. Dann unter Antigua Kursänderung weiter Richtung Süden und auf der Lee-Seite vorbei an Guadeloupe, Les Saintes, Dominica bis schließlich nach Martinique. Das war die Theorie. Und am Abend des zweiten Aprils tat sich dieses perfekte Wetterfenster für uns auf, für den perfekten Törn: Wind aus Ost, am nächsten Tag sogar leicht drehend auf Nord-Ost. 14 Knoten, in Böen bis maximal 18 Knoten. Wellenhöhe bis maximal 1,80 Meter. Fantastisch!

Doch schon um 11 Uhr, eine (!) Stunde nach unserem Aufbruch, werde ich skeptisch.

„Also Wind aus Ost ist das jetzt ja wohl nicht“ murmel ich vor mich hin und halte mich verkrampft an der Reling fest. Denn das hier ist eher Süd-Ost. Eigentlich die Richtung, in die wir wollen. Und gegen den Wind segeln ist nicht, das versteht schon jedes Kleinkind. Wir ändern also den Kurs und laufen hoch am Wind. Super hoch am Wind. SCOOBY liegt so schräg im Wasser, dass unten im Boot bereits Seewasser ins Küchenabwaschbecken läuft. Das haben wir sonst nicht. Unten im Boot führt diese Schräglage zu einem absurden Bild: alle frei hängenden Dinge, hängen nun mindestens in einem 45 Grad Winkel schräg von der Wand oder vom Haken. Sieht irgendwie aus wie auf einer schwerelosen Raumstation…Und gehen oder sich bewegen ist natürlich auch nicht mehr drin.

„Das wird schon“ denke ich mir.
„Lass uns erstmal aus dem Windschatten der Insel rauskommen und das offene Meer erreichen“ mache ich uns beiden Mut und höre mich dabei an, wie beim Pfeifen im Wald. Denn die Windrichtung bleibt so. Natürlich.
Zudem sind viel mehr Wind und viel höhere Wellen als vorhergesagt.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit entscheiden wir uns für eine Kursänderung. Anstatt St. Kitts, Nevis und Montserrat östlich zu passieren, entschließen wir uns bereits bei Statia steiler Richtung Süden zu gehen und dann in der Nacht westlich an den Insel vorbei zu segeln.

Die Nacht wird ruppig. Diana schläft erschöpft und ich versuche das Boot auf Kurs zuhalten. Gegen Vier falle ich immer öfter in den Sekundenschlaf. Auf der Autobahn ist das natürlich der Horror und meist tödlich. Auf See geht das gerade noch, denn man ist ja nicht annähernd so schnell und ausserdem gibt’s keine Hindernisse oder Gegenverkehr. Sowieso. Gegenverkehr gibt’s so gut wie keinen. Das habe ich mir früher immer viel dramatischer vorgestellt. Aber hier begegnet dir nachts keiner. Nur ganz, ganz ab und zu ist mal von irgendwo her ein Positionslämpchen auszumachen. Oder auch nur eingebildet. Ansonsten ist es menschenleer hier. Aber um nichts zu riskieren wecke ich Diana, damit sie die Schicht bis zum Sonnenaufgang übernimmt.
Ich taumle in einen unruhigen, fieberhaften Schlaf.

Plötzlich weckt mich ein beißender Gestank, der einem förmlich in der Nase brennt.
Es riecht nach Feuer und nach verfaulten Eiern.
Es riecht nach Schwefel.
Auf einem Boot ist das nicht gut!

Ich schrecke hoch.
„Hast du gepupst?!“ ranze ich Diana unwirsch an, ohne drüber nachzudenken.
„Nö!!!! Spinnst Du?! Dir auch einen Guten Morgen!!!“ antwortet Diana empört.
Ich muss mit den Augen blinzeln. Es ist Morgengrauen. Vielleicht 6 Uhr. Wo sind wir? Was stinkt hier so? Nicht gut…

Ich brauche doch tatsächlich fast eine ganze Minute, um zu kapieren, was hier vor sich geht. Wir passieren gerade Montserrat. Auch wenn die Insel bestimmt 20 Meilen entfernt ist und sich ihre Silhouette nur geisterhaft am Horizont abzeichnet, so kann man sie doch riechen. Der immer noch aktive Vulkan schickt uns seine Morgengrüße. Am Himmel ist eine deutlich gelb-grün-braune Rauchsäule zu erkennen, die sich bis in die Stratosphäre erhebt. Spooky.

Ich brauche noch ein paar weitere Minuten, um wieder ganz bei Sinnen zu sein. Es ist kalt. Ich entschuldige mich bei Diana wegen der unterstellten Pups-Vermutung.

An Kaffee ist nicht zu denken, denn mit dem Morgengrauen kommt auch das schlechte Wetter. Es fängt an zu regnen und der Wind dreht noch weiter auf Süd. Wir passieren Guadeloupe. Mittlerweile habe ich das Großsegel komplett gerefft und auch die Fock ist nur noch Mini-Mini-Mini. Dennoch machen wir sagenhafte 8 Knoten Fahrt und schießen nur so durchs dunkle, aufgeschäumte Wasser. Der Windmesser zeigt 30 Knoten Wind an. Waren nicht 14 vorhergesagt?

Aber schlimmer noch als der Wind sind die Wellen. Zwischen Guadeloupe und Dominica rollt gepaart mit peitschendem Regen der weiß schäumende Atlantik herein. 4 Meter hoch bestimmt. Und jede Minute kommt mindestens eine ganz große Welle, über 5 Meter bestimmt.
Waren nicht 1,80 Meter vorhergesagt?
Hatten wir nicht „Karibik“ gebucht?
Sonne, Strand, türkis-farbendes Wasser und so?

Doch widererwartend macht sich SCOOBY hervorragend in diesen Bedingungen. Hoch am Wind mit gigantischem Speed und extremer Schräglage schneidet sich der Bug durch die Gischt. Die bedrohlichen Wellen hinauf. Um dann ganz oben ganz seicht vorne überzukippen und ins schwarze Wellental hinab zu schießen. Dann aufs Neue.

Und seltsamer Weise fühlt sich das Ganze nicht ein einziges Mal unsicher an. Für uns beide. Im Gegenteil, man hat das Gefühl, dass das Boot noch mehr abkann. Viel mehr. Das macht uns Mut und erfüllt uns mit Zuversicht für „größere Aufgaben“.

Die zweite Nacht bricht herein. Aber Guadeloupe will uns einfach nicht loslassen. Es ist so, als ob diese Insel an uns zerrt und uns am Weiterkommen hindert. Bei jedem Blick zurück lassen sich noch ihre Lichter in der stockdunklen Nacht ausmachen. Dominica will einfach nicht näher kommen…

Jetzt nur nicht durchdrehen.
Segeln ist auch eine Geduldsprobe.
Nichts für Autobahn-Raser.

Und so vergeht auch diese Nacht.

Dominica zieht schemenhaft an uns vorbei.
Im Halbschlaf durchwache ich die Dunkelheit.
Das Wanken und Schwanken des Bootes verbindet sich mit deinem Körper.
Und irgendwann wirst du eins.
Eins mit deinem Boot.
Eins mit dem Meer.
Eins mit deinen Träumen.

Der dritte Morgen kommt.

Das Morgengrauen hat seinen Namen nicht verdient – denn es ist eine wahre Morgenfreude. Denn Martinique zeichnet sich am Horizont ab!
Je näher wir kommen, desto schöner wird das Wetter, der Wind lässt nach und die Wellen auch. Es ist so, als ob uns Poseidon für unser stoisches Durchhalten belohnen möchte.

Doch als wir nur noch ein paar Meilen von Martinique entfernt sind, passiert es dann…

Von einer Minute auf die andere ist das Meer plötzlich spiegelglatt.
Wie ein zugefrorener Teich.
Und es geht kein Lüftchen mehr, kein Hauch von Wind. Absurde Szenerie.
Schlaff hängen unsere Segel herab. Nur ab und zu nochmal ein leises „flapp-flapp“.
Wir holen alle Segel rein und schalten den Motor an.

Wie auf Kufen gleitet SCOOBY durch eine absolut ruhige See. Keine Welle. Kein Kräuselchen. Nach den Strapazen der letzten 48 Stunde schier unfassbar. Und absolut überwältigend. Denn die Erklärung für die plötzliche Stille liegt unmittelbar vor uns: der mächtige Mount Pelée. Der gigantische Vulkan, der auf der Nordseite Martinique´s thront. Seine gewaltige Gestalt trotzt allen Elementen und schneidet uns von Wind und Wellen ab. In seinem Schatten herrscht frühlingshaftes Wetter, lieblich und unschuldig. So, als hätte der Vulkan etwas wieder gut zu machen.
Aber das ist eine andere Geschichte…

In einem Anflug absoluter Verzauberung kommt mir nur noch ein Gedanke in den Sinn: Motor aus!

Und das erste Mal überhaupt treiben wir auf offener See. Ohne Segel. Ohne Motor. Ohne Wind. Ohne Wellen. Das Boot treibt einfach ganz leise und alleine vor sich hin. Wir sind nur Gäste.

Unten im Schiffsinneren sieht es aus wie nach einem wilden Kampf. Viele Dinge waren umhergeflogen oder nicht richtig verstaut. Ich bahne meinen Weg durch das Tohuwabohu an den Herd und brühe uns einen Kaffee auf.

10 Minuten später sitzen wir an Deck und genießen jeden duftend heißen Schluck.
Still beieinander sitzend.
Eng aneinander gedrückt.
Ergriffen starren wir auf diesen Mount Pelée.
Und dieser Berg verzaubert uns.

Ein kleines Boot treibt im Schatten eines riesigen Vulkans.
Vor Martinique.
An Bord zwei müde Menschen.
Aber stolz und überglücklich.

 

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