Alles auf Sieg

IMG_3706Glücksspiel ist auf den BVIs verboten. Dem Einfluss der Kirche sei Dank. Nur der Ex-Prime-Minister hatte es geschafft, sich von Steuergeldern eine Riesenpferderennbahn direkt vor sein Anwesen bauen zu lassen. Zufall, dass er der einzige hier mit einem Stall voller Rennpferden war. Und natürlich gibt es bei den Rennen keine Pferdewetten. Witzig manchmal diese Karibikinseln…Es gibt nur eine Ausnahme im Jahr: die Gambling Night. Dann darf mit höchstrichterlichem Segen eine Nacht lang gezockt werden, als ob es kein Morgen gäbe.

Seit Wochen wurde über das Event des Jahres geredet. Was zieh ich bloß an? Wer kommt mit wem? Wer verzockt Haus und Hof? Das Ding scheint hier mehr Bedeutung als Weihnachten und Silvester zu haben. Alle wollten hin und da durften wir dann natürlich auch nicht fehlen.

Wir schmeißen uns also in Schale – ich sogar mit Krawatte. Herrlich bei 30 Grad… Und als wir im Restaurant Peg Leg´s in unserem guten, alten Nanny Cay ankommen, trauen wir unseren Augen kaum. Es sind wirklich ALLE da. Leute, die wir vorher noch nie auf dieser Insel gesehen haben. Alle aufgebrezelt wie zu Queen Mum´s Diamond Crown Jubilée. Noch nie hatten wir Nanny Cay so voll gesehen. Das Peg Leg´s war komplett leer geräumt und anstelle der Esstische standen nun überall riesige Roulette-, Black Jack- oder Bakkarat-Tische. An jedem Tisch ein Croupier mit Fliege, drum herum dicht gedrückte Menschentrauben. Einfach Unglaublich.

Doch der erste Schock kam schnell: der Spaß sollte Eintritt kosten.
25 Dollar.
Pro Person!

Aber was viel schlimmer war?
Von den 25 Dollar wurden 10 Dollar zwangsumgetauscht. Dafür bekam man 10 lustige Plastik Jetons in die Hand gedrückt. So far so good, machen sie in Las Vegas genauso. In Las Vegas bekommt man aber am Ende des Abends für seine bunten Plastikchips wieder harte Dollares. Hier hingegen konnte man seine Chips am Ende in „wertvolle Sachpreise“ eintauschen.

Wie bitte?
Hier wird nicht um Geld gespielt, sondern um allerlei karibischen Tand!
Karibisch bestickte Tischdecken. Das obligatorische Messerset. Drollige Teekannenwärmer. Eine große Plastikblumenampel. Handtücher mit Bob Marley-Konterfeit. Gemütlicher Bast-Schaukelstuhl für die Veranda. Bilderrahmen mit Aquarellbild vom Sonnenuntergang. Große, mundgeblasene Glasbowle. Kerzen-Set. Kuchengabel-Set. Tellerunterleger-Set. Whiskey-Gläser-Set.
Sachen, die die Welt nicht braucht.

Hallo? Das ist ja so, als wenn einem auf der Herbertstraße in Hamburg-St. Pauli die nette Dame in ihrem Schaufenster-Glaskasten sagt: „Nur gucken – nix anfassen!“ Wo bleibt da der Spaß? Wenn ich zocken will, dann will ich um echte Kohle zocken. Dollars! Kreuzer! Rubel! Penunse! Deutschmark! Egal, Hauptsache echte Taler.

Was zu einer echten karibischen Zockerhölle hätte werden können, wurde zu einem christlich angehauchten Wohltätigkeitsabend. Alle „Preise“ waren gestiftet, die gesamten Einnahmen des Abends gingen als Spende ans örtliche Tierheim.
Was für ein Reinfall!
Die Luft schien raus.
Bis…
Bis…
Bis Diana draußen vor dem Restaurant einen weiteren Spieltisch entdeckte. Umzingelt von einer Horde euphorisch grölender Spieler. Was wurde da gespielt?
Wir bahnten uns einen Weg durch die Massen und angekommen am Tischrand konnten wir unseren Augen nicht glauben.
Da krabbelte doch tatsächlich ein Dutzend Einsiedlerkrebse auf einem kreisrunden Tisch wild durcheinander. Der Tisch war am Rand mit einer Art Pappwand umzäunt. Jemand hatte den Krebsen Startnummern und Namen auf ihre Gehäuse geklebt. Ein Mann mit Smoking und Mikrophon kommentierte das Geschehen auf der Tischplatte wie die Liveübertragung eines Pferderennens. Die Leute fuchtelten ekstatisch mit Wettzetteln in ihren Händen und waren außer sich.

Diana und ich schauten uns sprachlos an.
Im nächsten Augenblick machte sich ein breites Grinsen über unsere Lippen breit und wir wussten: „Vergiss Roulette – das Crab-Race ist unser Spiel!“

Die Spielregeln hatten wir schnell kapiert.
Zu Beginn kommt ein Mann mit einem Eimer voller Krebse.
Die Krebse schüttet er in die Mitte des Tisches und lässt sie circa 10 Minuten lang frei laufen. Während dieser Zeit kann man sich jedes Tier genau anschauen.
Da sind große Tiere mit langen Beinen und starken Scheren.
Da sind kleine Tiere mit kleineren Gehäusen, aber flink und wendig.
Und da sind einfach nur faule oder müde Tiere.
Die Kunst liegt darin, sich seinen Favoriten anhand dieser Aufwärmphase auszusuchen.
Nach 10 Minuten werden alle Tiere wieder in der Mitte des Tisches zusammengesammelt und es kommt ein Eimer drüber, damit sie nicht wegkrabbeln können.
Dann beginnt der Countdown und die hitzige Wettphase startet. Alle Tiere haben unterschiedliche Quoten. 1 zu 3 oder 1 zu 5 oder sogar 1 zu 11. Man versucht in der aufgescheuchten Menge einen Buchmacher zu finden und schreit ihm seinen Einsatz zu und den Namen seines Krebses. Er notiert alles, nimmt die Kohle und stellt dir einen Wettschein aus. Diese Minuten kurz vorm Rennen sind geprägt durch ein geschäftiges Treiben und Drängeln.

Dann geht nichts mehr und das Rennen beginnt.
Die einzige Regel: der Krebs, der als erster die Wand des runden Tisches berührt, ist der Gewinner. Alle anderen haben verloren.

Was sich profan anhört, macht einen Riesen-Spaß!
Während der Aufwärmphase bildet man sich ein, den Sieger todsicher ausfindig gemacht zu haben. Beim Rennen selbst ist natürlich lautstarkes Anfeuern und Fluchen Pflicht. Besser als in jeder süd-vietnamesischen Spielhölle.

Bei mir kristallisiert sich relativ schnell heraus, dass ich ein seltenes Talent zu scheinen habe, in jedem Rennen todsicher auf den Zweiten zu wetten. Da gewinnt man natürlich keinen Blumentopf mit und meine 10 Dollar sind schnell weg!

Diana hingegen entwickelt ein echtes Gespür für diese kleinen Kriechtiere. Akribisch studiert sie die einzelnen Exemplare vor dem Rennen und wählt dann zielsicher den Gewinner aus. Fast immer. Das macht schnell die Runde und plötzlich hat sie einen ganzen Schwarm Copy Cats um sich herum. Setzt Diana auf Krabbeltier Nummer 9, setzen alle anderen auch auf 9. Jim setzt voller Zuversicht 25 Dollar, um schmerzlich festzustellen, dass auch Diana nicht immer Recht hat…

Und es ist auch Jim, der mich unauffällig beiseite nimmt und mich auf ein weiteres Spiel aufmerksam macht. Gegen Mitternacht solle ich das äußerste Ende des Strandes im Auge behalten. Wenn auffällig viele und große Pick Ups vorfahren und ich Taschenlampen am Strand bemerken würde, wäre es Zeit für die Hundekämpfe. Die Locals würden dann mit ihren trainierten Kampfhunden aus den Bergen runter kommen. Sei zwar ´ne blutige und unschöne Angelegenheit, aber da würde es wenigstens um echtes Geld gehen. Ich solle aber besser Diana nicht mitbringen…

Nö Danke, das muss nun heute wirklich nicht mehr sein.
Der Abend war auch ohne Blutvergießen aufregend genug und ob´s politisch korrekt wäre, auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung fürs Tierheim einem illegalen Hundekampf beizuwohnen, sei auch mal dahin gestellt.

Am Ende kommt es, wie es immer kommt:
wir haben alles verzockt!
Aber wenigstens sind wir um eine Erkenntnis reicher: manchmal braucht es nicht mehr als einen Tisch mit ein paar Krabbeltieren drauf, um einen super-spaßigen Abend zu haben!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s