Back to where we started

Nach einer sternenklaren Nachfahrt von Antigua, die nur von einem fiesen Squall mit gefühlten 100 Knoten Wind zwischen Nevis und St. Kitts böse unterbrochen wurde, legen wir einen Zwischenstopp auf St. Barth ein. Wir verbringen einen herrlichen Tag in Anse Colombier, einer Bucht, die viel wilder und ursprünglicher ist, als von St. Barth angenommen. Keine einzige Bar am Strand, kein einziger Liegestuhl, nur ein altes, aber sehr cooles 60er-Jahre-Design-Häuschen vom alten Rockefeller. Halt die Insel der Schönen und Reichen. 

Am nächsten Tag geht´s weiter nach St. Martin. Ersatzteile, Sachen und Krams für SCOOBY kaufen. 10 Tage zwischen Baumärkten und Bootsausrüstern. Feilschen um jeden Dollar. Doch am Ende ist alles eh immer viel zu teuer. Weil´s halt Sachen für ein Boot sind und das legitimiert einen 100%igen Preisaufschlag gegenüber „normalen Landsachen“. Ist halt so – nicht jammern.

In meinen Träumen wird Deutschland Europameister, verliert aber wieder gegen Italien. Ist halt so – nicht jammern.

Die Spaghettis haben schließlich noch ihre gerechte Strafe erhalten: 4-0, das ist bitter ;-))
„Sehen Sie? Hochmut kommt vor dem Fall, Herr Ballotelli, Sie aufgeplusterter Gockel!“

Dann der letzte Törn, von St. Martin zurück auf „unsere“ Jungferninseln. Die Nacht wieder sternenklar. Diesmal ohne Squall. Die Sonne geht auf und am Horizont tauchen kleine Inselgrüppchen auf. Bekannte Silhouetten, fast wie zuhause. Fast ein bisschen wehmütig schieben wir uns unter vollen Segeln durch die Round Rock Passage hinein in den Sir Francis Drake Channel, denn wir wissen, hier ist unsere Reise zu Ende. Vorerst. 

Zeit für ein Resümee.
Zeit für Gedanken über unser Leben an Bord eines 12 Meter kleinen Plastikbootes fernab der Heimat. 

Unser Boot
Da hätten wir es nicht besser treffen können. SCOOBY ist so stabil und robust, selbst bei 40 Knoten Wind oder 5 Meter hohen Wellen haben wir nicht ein einziges Mal Unsicherheit verspürt. Bis auf ein paar Kleinigkeiten ist alles heil geblieben und hat immer funktioniert. Auf SCOOBY ist Verlass! 

Unsere Ehe
Die wurde das ein oder andere Mal auf die Probe gestellt. Na klar. Aber das wäre sie auch auf Land. Natürlich ist das Zusammenleben mit seinem Partner auf engstem Raum 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr nicht immer einfach. Und vor allem nicht mit Diana´s Temperament, das die wenigsten kennen. Und sicherlich hat man sich öfter mal mehr Freiraum gewünscht, ein größeres Boot vielleicht oder auch ein oder zwei Tage Pause voneinander. Aber wir haben nie den Respekt voreinander verloren. Und wenn´s drauf ankam, konnte sich jeder immer auf den anderen verlassen. Zu 110 Prozent. Vor einer Woche haben wir unser 6-Jähriges gefeiert und festgestellt: unsere Ehe ist stark. Unsere Liebe größer denn je!

Unsere Familien
Die haben wir sehr vermisst. Aber Blog, Skype, Emails oder Telefonate haben dagegen geholfen. Auch wenn das natürlich keine gemeinsamen Grillabende, Besuche oder lange Gespräche bei Caipi oder Bier im Aurél ersetzt. Und dass man die Kleinsten der Familie nur so aus der Ferne größer werden sieht, ist manchmal ein hoher Preis. 

Unsere Freunde
Wie sagt man so schön: da hat sich die Spreu vom Weizen getrennt.
Es haben sich einige Menschen mehr denn je für uns interessiert, mit uns gelitten oder gefreut, von denen man es vielleicht gar nicht so gedacht hatte. Und andere haben sich eher im Hintergrund gehalten. Jeder hat sicherlich seine eigenen Gründe dafür. Gerade für Diana war das nicht immer einfach zu lernen oder zu verstehen. Aber dann waren da auch unsere Besuche, von der Belle, über Eppi und Tortola bis zur Weidenallee in Shanghai. Die waren groß! 

Neue Freunde
Gleich und gleich gesellt sich gern – das stimmt wohl schon. Nie habe ich es erlebt, schneller und leichter neue Menschen kennenzulernen. Aufrichtig. Ehrlich. Und unbelastet von alten Geschichten, Status Symbolen oder gesellschaftlichen Korsetts. Die BVI´s waren hier für uns eine echte Überraschung. Aber auch unterwegs haben wir neue Menschen getroffen, ganz unterschiedliche, die uns verstehen, die unsere Sprache sprechen und die gleichen Träume leben. 

Böse Menschen
Toi-toi-toi, nö, haben wir keine getroffen. Eher das Gegenteil war der Fall. Liebenswert, interessiert, stolz, offen und fast immer hilfsbereit. 

Nachrichten aus der Heimat
Man möchte meinen, die Lage sei aussichtslos! Aus der Ferne betrachtet, steht Europa in Flammen! In Spanien fliegen die Steine, in Griechenland verbrennen sie Nazi-Flaggen, der Hässliche Deutsche ist wieder in Mode. Unterwegs treffen wir Amerikaner oder Kanadier oder Australier oder oder oder. Manchmal gucken diese Leute einen fast mitleidig an, wenn sie merken, dass wir Deutsche sind. Tief besorgt fragen sie „Hey man, how are you guys doin´ over there? Tough times, uh?” Aber – und das ist viel wichtiger – sie begegnen einem mit Anerkennung und großem Respekt und dem festen Glauben, dass Deutschland das Richtige „dort drüben“ macht. Das vermisst man manchmal in der deutschen Medienlandschaft, die – von hier aus gesehen – geprägt ist von Weltuntergangspropheten, Stammtischniveau und Besserwissern. 

Das Segeln
Klappt immer besser und macht manchmal sogar richtig Spaß und dient nicht nur zur Fortbewegung. Mittlerweile sind wir eine eingespielte Crew, ohne viel Stress und Streit. Ok, wir haben einige Niederlagen gehabt, aber auch großartige Siege gefeiert. Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt und gefährliche Situationen gemeistert. Die wenigen Leute, die uns versucht haben am Anfang zu erklären, dass man nicht einfach so ein Segelboot kaufen könnte und dann damit segeln geht, haben unrecht gehabt. Man kann! Und was man nicht kann, kann man lernen! 

Angst
Oh ja, die haben wir gehabt. Aber nur manchmal. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor Dingen, die man vorher noch nie in seinem Leben gemacht hat. Aber auch diese Dinge gibt es beim „normalen Landleben“ zuhauf. Und die Angst bewahrt einen vor Dummheiten. Was wir vor allem gelernt haben, ist Respekt vor der Natur und ihren unglaublichen Kräften! 

Die Karibik
Was haben wir nicht alles gehört? Die Karibik sei langweilig, Dollar-verseucht oder jede Insel sei die gleiche Wichse. Was für ein Bullshit! Jedenfalls gilt dies nicht für die Leeward-Inseln. Fast jede Insel hat ihren ganz eigenen Charakter. Ihren eigenen Charme. Auch wenn manchmal nur ein paar Seemeilen zwischen ihnen liegen, so findet man sich doch plötzlich in einer anderen Welt. Abwechslungsreich. Ursprünglich und immer noch natürlich. Weltoffen und modern, oder auch verschlafen und hinterm Mond. Sagenhafte Natur oder Partyleben am Strand. Was will man mehr?!
Haben wir eine Lieblingsinsel?
Nö! Alle waren toll! Jede auf ihre Art. Aber Dominica, Saba oder auch Anguilla waren schon sehr besonders…

Die Natur
Zu unserer riesengroßen Freude konnten wir feststellen, dass dieser Teil der Karibik viel sauberer ist, als wir noch in Deutschland vermutet hatten. Im Vergleich zu Gebieten in Asien oder Südamerika, in denen wir schon als „normale“ Touristen waren, haben wir fast ausschließlich tolles Wasser vorgefunden und nur ganz, ganz selten Plastikmüll oder sonstige Menschheitssünden. Wir haben in kristallklaren Buchten geankert und sind mit Schildkröten geschwommen. Oder waren sogar in Häfen baden, in denen man bis auf den Grund gucken konnte. Das mag zugegeben etwas naiv klingen, da es lediglich der optische Eindruck des Wassers war und es natürlich keine Wasserproben gab. Aber Millionen von bunten Fischen, eine atemberaubende Unterwasserflora und wunderschöne Seevögel, Delfine oder Wale machen Mut, dass nicht alles ganz so schlimm ist, wie so oft berichtet. Und was wirklich ein erhebendes Gefühl ist? Dass wir die ganze Reise über unseren Strom selber produziert haben! 

Neue Ziele
Desöfteren werden wir jetzt gefragt: „Seid ihr reif für den Pazifik?“
Ganz klare Antwort: NEIN, um Himmels Willen!
Im Leben nicht könnte ich mir 30 Tage unter Segel auf dem Wasser vorstellen. Tag und Nacht. Gegen alle Naturgewalten gegen an. Im Leben nicht!
Noch nicht…
Nächstes Jahr stehen für uns zunächst die Windward-Inseln auf dem Programm: von Martinique, über St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen bis ganz runter nach Grenada. Und unbedingt Marco und Rahel treffen, Dan und Roseanne, Marion und Harald, Tomaz und Lilly und vielleicht auch wieder Nick, Jayne und Adrian. Und vielleicht Besuch aus Deutschland…?! Ob dann danach Venezuela, Kolumbien und Panama? Oder wieder zurück auf die BVI´s? Mal sehen…

La vie en rose
„Non! Non, je ne regrette rien!“ sang Edith Piaf einst aus voller Kehle, dass es einem den Atem verschlug. Diana, die sich seit neuestem für das einzigartige, aber harte Leben der Edith Piaf begeistern kann, hat diese Chanson-Zeile quasi zu unserem Motto erkoren. Würden wir alles nochmal so machen?
Ja! Genauso!
Unsere Reise ist das Abenteuer unseres Lebens!
Deshalb komme ich mir manchmal eher vor wie Captain JamesT. Kirk, als wie Admiral Nelson: ich stehe auf der Brücke der HMS SCOOBY und dringe in Welten vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen…Dann summt es ganz laut in meinem Kopf: „Uhhhhhhuuuuuuuu, hu hu hu hu huuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu hu, Ohhhhhhhhhuuuuuuuuuu, hu hu hu hu hu huuuuuu…“.

Ich sehe SCOOBY von oben.
Alleine in der Nacht.
Auf einem nicht enden wollenden, tiefschwarzen Ozean gleitet er unaufhaltsam dahin. In ein unendliches Meer von Myriaden von Sternen und Galaxien…

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3 Gedanken zu „Back to where we started

  1. Ihr Lieben,
    ich bin immer wieder ergriffen, bewegt, beglückt ( meist alles gleichzeitig) und auch immer ein Stück wehmütig, weil ihr soooo weit weg seit und irgendwie weil man selber nicht dem Mumm hat einfach loszufahren:)))) Ich freu mich richtig doll auf euch!

  2. Eine sehr schöne Zusammenfassung der Abenteuer Eurer reise und ein Résumé das einem die Tränen der Freude in die Augen treibt.
    Alles richtig gemacht !!!
    Das Abenteur Eures Lebens, eine Liebe die durch dieses Abenteuer noch gefestigt wurde und ein Ende ist nicht in Sicht, zuviel gibts es noch zu sehen.
    Ich freue mich auf weitere schöne Geschichten und darauf mit Euch in good ol Germany mal wieder auf ein Bier zu trinken bei spannenden Geschichten, kombiniert mit etwas Seemansgarn 😉
    All the best !!!

  3. Hey, was ist passiert? Pause im Blog? Scooby doch noch auf Grund gesetzt, dem Pudelmann in die Arme gelaufen? Zur Landratte geworden? Segelschein wegen Trunkenheit weg? Oder schon aufgeregt im Flieger nach Deutschland? Don´t stop the blog. Das muss weitergehen. Pleeeeease.

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