Zu Besuch in der Fußball-Entziehungsanstalt

Nach der einsamen Nonsuch-Bay und der riffligen Kniffpassage brauchte ich festen Boden unter meinen Füßen! Dafür sollte es nach Dickenson Bay gehen. Eine kilometerlang-gezogene Bucht mit einigen Resorts und Restaurants und Beachbars.Zunächst ging´s aber um Antigua´s ganzen Norden herum. Ein nicht enden wollendes Riff, an dem wir weit draussen Meile um Meile entlang knirschten. Dann endlich ist Dickenson Bay erreicht. Der Anker fällt, wir sind das einzige Boot. Weißer Sandstrand, riesengroße Palmen und zwischendrin immer wieder Resort-Bungalows mit offenen Bars und Restaurants. Heineken-Fahnen flattern im Wind und irgendwo wäre sicherlich auch ein Großbildfernseher mit EM-live zu finden, denn  schließlich spielen die Engländer heute, da ist bestimmt die Sau los. Mein Garten Eden hätte nicht schöner aussehen können – ich fühlte mich wie der junge Columbus, nach monatelanger Irrfahrt endlich am Ziel!

Eine halbe Stunde später tuckern wir mit Roter Oktober gen Strand. Wir müssen am äußersten Ende der Bucht anlanden und haben dann bestimmt noch 1 oder 2 Kilometer am Strand zu gehen. Das Wasser ist türkisblau, der Sand weiß und fein. Unsere Füße knatschen im Sand wie Stiefel in frischem Schnee. Wir passieren die ersten Sonnenliegen des Resorts, nur aus den Augenwinkeln nehme ich die Gäste wahr. Mein Augenmerk gilt etwas anderem. Wo bitte ist hier die Beachbar?

Da! Hinten! Da muss es rein gehen! Es riecht nach frischen Holzkohle-Grill-Burgern und eiskaltem Bier. Eine breit-geschwungene offene Bar, unzählige bunte Flaschen und Barkeeper mit farbenfrohen Hawaii-Hemden. Die Bar war umgeben von Palmen und einem kleinen hölzernen Gartenzäunchen. Nur noch durch das kleine Gartentürchen, denke ich mir, dann bin ich da…

WUMMS!

Abrupt wird es dunkel vor mir.
Schwarz.
Vor mir baut sich ein hünenhafter, massiver, uniformierter Security-Guy auf.
Der Security-Guy ist eine Frau. Doch die sind hier auf Antigua sowieso noch stämmiger als die Männer. Sie guckt mich mit scharfem Blick an. Oh je, mit der hier ist nicht zu spaßen.

Aber auch Columbus hatte nicht immer sofort Glück mit den Eingeborenen. Immer nur freundlich, denke ich mir, dann wird das schon…

„Members and guests only!“ bellt es mich dumpf an.
„Äh ja, ähm nun… ich wollte doch nur…“
„Listen! FOR GUESTS ONLY! Are you a guest?“
“Nö, jetzt nicht so direkt. Aber ich will ja auch nur an die Bar da. Und ich hab Geld. Und ein T-Shirt an. Und ich seh doch nett aus. Und meine Frau erst.“
„NO SIR! FOR GUESTS ONLY!“ wummert der Schrank von einer Frau, deutet auf ein Schild am Gartenzaun und verschränkt unmissverständlich die Arme vor mir. Hier war sachlich kein Durchkommen.

Was tun?

Einfach an der fetten Frau vorbeisprinten und am Bar-Tresen festklammern? Die holt mich nie ein! Was aber wenn doch? Wenn sie mich von hinten krallt und zu Boden reißt? Nee, lieber nicht riskieren…

Und was ist mit „den arroganten, fiesen, reichen Weißen“ spielen?
So nach dem Motto: „Ich bin hier der Herr, mach Platz du Eingeborene oder ich will sofort mit deinem weißen Chef sprechen!“ Und im Übrigen sei ich ein Cousin dritten Grades von Prinz Charles und hätte allerbeste Kontakte zur britischen Boulevardpresse. Hmm, könnte funktionieren. Könnte aber auch übel nach hinten losgehen.

Von hinten zupft Diana an mir. Behutsam, aber sie zupft. So ein „Lass gut sein – wir gehen“-Zupfen. Diana kennt mich natürlich gut und weiß a.) wie sehr ich mich auf das Bier gefreut hab, b.) wie unangenehm ich um mein Recht kämpfen kann und c.) dass mit mir nicht gut Kirschen essen ist, wenn mich irgendein Hirnfuck von Vorschrift daran hindert, meine schwerverdienten Euros unter die Leute zu bringen.

Diana zur Liebe gebe ich hier und heute aber nach und wünsche der fetten, schwitzenden Security-Sau noch einen schönen Tag – höflich lächelnd natürlich. Beim Rückzug erblicke ich das Schild, auf das sie gedeutet hatte – und uns wird mit einem Schlag plötzlich alles klar – oder auch nicht. Da steht:

„An ultra all-inclusive resort. For couples“…
Auf einem anderen daneben steht: „A luxury included resort. For couples only“.

Aha, “ultra” also, so, so, sieh mal einer an. Und der Luxury ist auch schon included. Nicht schlecht, Herr Specht. Aber was bitte bedeutet „for couples only”?!

Unsere Blicke schweifen umher. Den Strand hinauf, den Strand hinunter. Ein Blick an die Bar. Ein Blick auf die Liegestühle. Der Groschen fällt nur Pfennig-weise, doch plötzlich passt alles ins Bild…
Das hier alles ist nur und ausschließlich für Paare.
Überall sitzen oder liegen nur Paare.
Keine Beste-Freundinnen-Reisegruppe. Keine Jungs-Clique. Keine Sport-Kollegen. Keine alten Schulfreunde. Keine Familien. Und:
KEINE KINDER! Nirgendwo ist ein Kind zu sehen. Nirgendwo ist eine helle Stimme oder ein fröhliches Kinderlachen zu hören.

Was für ein faschistoider Platz ist das hier?!

Wir sind geschockt! Nichts wie weg hier!

Am ganz anderen Ende des Strandes finde ich dann doch noch eine Bar. Mit Fernseher sogar. Leider gehört sie einem Dänen und der ist auf mich, nachdem ich mich als Deutscher zu erkennen gebe, gar nicht mehr gut zu sprechen, denn schließlich haben wir Deutschen seine Dänen gestern aus der EM gekegelt. Stell dich nicht so an! Dänen weinen nicht!

Und an der Bar sitzen nur zwei betagte Ladies und ein einheimischer Polizist. Wo bitte sind die Engländer? Das ganze Resort ist doch voll mit denen?
Die beiden Ladies stellen sich schnell als lesbisches Couple heraus. Amerikaner. So ein bißchen wie Blanche und Dorothy aus den „Golden Girls“. Graue Haare. Bewusst nicht gefärbt. Aber Lippenstift drauf. Und mindestens einen Margaritha zuviel intus. Beide sind laut und amerikanisch halt. Fußball hat schon angefangen und die beiden gucken Frankreich-Schweden…

Höflich frage ich die beiden, woher sie denn kommen, ob aus Frankreich oder Schweden? Das wäre für mich die einzige Legitimation gewesen, dieses Super-Langweiler-Spiel zu gucken. Höflich versuche ich sie davon zu überzeugen, dass ich Deutscher sei und meine zweite Lieblingsmannschaft, die Engländer, gerade spielen und dass das das viel viel bessere Spiel sei. Die beiden wollen Frankreich – Schweden weitergucken. Weil sie die Schweden so geil finden. Gröhlend deuten sie auf jeden Spieler, sobald einer in Großaufnahme kommt.
So, jetzt schlägts aber dreizehn!
Soll ich mir jetzt von zwei amerikanischen Rentner-Lesben die Laune verderben lassen? Nö!
Noch einmal frage ich höflich, ob sie die Regeln überhaupt kennen würden?
N
atürlich kennen sie die nicht.
Und ob sie wissen würden, dass es bei dem Spiel um gar nichts mehr geht, weil die Schweden eh schon ausgeschieden seien.
Natürlich wussten sie auch das nicht.
Aber dennoch wollen sie Schweden weitersehen.

Mir reicht´s. Ich stehe auf und wende mich dem Polizisten zu. Ich versuche ihm lautstark und – ok zugegeben – etwas aufgeregt zu erklären, dass er sich bitte schleunigst darum kümmern soll, dass ich England gucken darf. Zum Glück wusste ich, dass Antigua vor ein paar Tagen im Rahmen der WM-Quali gegen die USA gespielt und in einem packenden Spiel „nur“ 3:1 verloren hatte. Ich erinnere ihn daran. Wie toll seine Mannschaft gespielt hatte. Und dass die Amerikaner zu Unrecht gewonnen hatten. Und natürlich ist der Polizist Fußballfan. Und vor Deutschland hat er allergrößten Respekt. Wir seien in seinen Augen Titelanwärter. Recht hat der Mann!

Der freundliche Schutzmann steht auf und geht an die Bar. Höflich, aber bestimmt, fordert er den Barkeeper auf, den Kanal zu wechseln und aufs Englandspiel zu schalten. Die beiden Lesben weist er in die Schranken und mahnt sie zur Ruhe.

Jawoll! Das musste ja mal gesagt werden!

Als Rooney das erste Tor schießt, habe ich allen Ärger vergessen und konnte sogar den beiden netten Damen die englische Mannschaft mit deren kernigen Jungs schmackhaft machen.

Als das Spiel zu Ende ist, müssen wir den ganzen Strand entlang zurück zu Roter Oktober. Fröhlich und etwas beschwipst schlendern wir Hand-in-Hand an all den paar-weise aufgestellten Liegestühlen vorbei. Kein einziger Fernseher läuft im Resort, keine Großbildleinwand in der Bar, obwohl England gespielt hatte und das Resort mit 95% Engländern gefüllt ist.
In den Liegestühlen das immer gleiche Bild:
Eine Frau mit neuem Bikini. Die Figur nicht mehr ganz Bikini-tauglich.
Daneben der typische englische Mann. Kurzrasierte Haare, rot-blond. Stolz, aber etwas grenzdebil dreischauend. Beide Schweinchen-blass, aber bereits rosarot von der Sonne angebruzzelt.
Sie liest in ihrem neuen E-Reader.
Er liegt daneben und denkt an alte, bessere Zeiten mit seinen Jungs.
Sie würde gerne mal wieder gefickt werden.
Er würde gerne mal wieder eine andere ficken.
Beide reden kein Wort miteinander.
Urlaub vom Feinsten.

Auf dem Weg zurück kommen wir an zwei Hochzeits-Zeremonien am Strand vorbei. Nachschub sozusagen.
Sowieso beobachten wir in den nächsten Tagen Hochzeiten wie am Fließband hier.

Wir fahren auf unser Boot zurück. Am Strand heizt eine Animateurin den Gästen ordentlich via Mikro und Discoanlage ein. Es wird eine Art „Reise nach Jerusalem“ gespielt. Alle Gäste tanzen um eine Stuhlreihe herum und jedes Mal wird ein Stuhl weggenommen. Geht die Musik aus, müssen sich alle setzen. Einer scheidet aus. Hä?
Wozu machen die solche Spielchen hier?
Etwa damit sich die Gäste näher kommen?
Wohl kaum! Es sind alles Paare! Alle kennen sich schon! Keiner ist hier Single! Hier muss niemand verkuppelt werden. Was soll das also? Will man die frisch-verheirateten Paare nach zwei Tagen etwa schon zum Ehebruch anstiften?

Diana hat eine andere Erklärung. Sie vermutet einen Riesen-Swinger-Club.
Also, dass das hier ein Swinger-Club ist, ist ungefähr so wahrscheinlich wie, dass Antigua nächster Fußball-Weltmeister wird.

Am Spätnachmittag klopft es an unsere Bordwand.
Gary ist mit einem Kanu zu uns herüber gepaddelt.
„What a beautiful boat you have“ ruft er mir nach oben zu.
Danke. Gary ist Gast im Resort und konnte es wohl mit seiner übel-gelaunten Frau nicht mehr aushalten.
Gary ist Engländer. Durch und durch. Gary sieht jedenfalls so aus. Auch die kurz-rasierten Haare. Sommersprossen. Mitte vierzig. Kleiner Bierbauch, aber drahtig. Vorne fehlen ihm ein paar Zähne, die nur notdürftig repariert wurden. Zwei alte Cuts über den Augenbrauen, ebenfalls nur notdürftig geflickt. Gary´s Kopf ist blutrot, so wie ein „english“-gebratenes Steak.
Wenn mir Gary vorm HSV-Stadion in Hamburg bei einem Champions League Spiel begegnet wäre (Uih, böser Witz, sorry Dirk), mit einer hochgekrempelten Edwin-Jeans, schwarzer Raiders-Bomber-Jacke, in Adidas Torsions und mit Lederhandschuhen, dann hätte ich Stein und Bein geschworen, dass Gary zur Chelsea-Crew gehört und europaweit berüchtigter Hooligan ist.

Also frag ich Gary, wie er das England-Spiel fand?
„Havn´t seen the game! I hate football!“ antwortet Gary grimmig und ein wenig entrüstet.
Warte mal! Ein Engländer, der Fußball hasst? Das wird ja hier immer mysteriöser.
I
ch wimmle Gary schnellstmöglich ab.

Am Abend analysieren Diana und ich die Situation neu und nach kurzer Zeit steht für sie endgültig fest:

1.)  Das Resort wird ausschließlich von Frauen gebucht.
2.)  Die Männer hätten davor deutlich über die Stränge geschlagen und müssten ihren Frauen nun dieses ungeheuerliche Zugeständnis machen: ein Pärchen-Urlaub auf einer einsamen Insel ohne Fußball und Freunde. Weit weg von Playa del Anglais oder Magaloof
3.)  Nix da in Guiness-baden
4.)  Nix da „Rule Britannia!“-gröhlen
5.)  Und das zur Europameisterschaft!

Für mich hört sich ihre Theorie nach Höchststrafe an! Welche Frau würde einem Mann so etwas antun?
Aber Recht könnte sie haben.
Und wahrscheinlich scheidet England sowieso wieder im Elfmeterschießen aus. Das erspart den Jungs hier wenigstens den Schmerz.

Arme Säue…, so oder so.

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