Um ein Haar

Der Geburtstag war vorüber und der Alltag setzte wieder ein. Das hieß wir erkundeten jede kleine Bucht und Insel in und um die Nonsuch-Bay. Am Wochenende kamen das erste Mal auch zwei weitere Boote und wir waren nicht mehr ganz alleine. 

Und irgendwann war dann auch die 40iger-Melancholie verflogen und wir wollten wieder zurück in die Zivilisation. Es sollte nach Dickenson Bay gehen, ganz auf der Westseite Antigua´s. Dazu müssten wir die ganze Nordseite von Antigua umqueren. 

In die Nonsuch-Bay sind wir von Süden gekommen, durch einen kurvigen Eingang. Normalerweise verlässt man die Bucht so auch wieder – aber es gibt auch einen klitzekleinen, schmalen Ausgang im Norden: den SPITHEAD CHANNEL. Eng und zwischen zwei Riffen hindurch und das auch noch parallel zur Brandung. Mit 40 ist man reif für sowas. 

Nein, im ernst: wir waren hier in einem gut kartographierten Gebiet, Wetter und Sicht waren ok und es gibt eigentlichen keinen besseren Platz, um mal eine „echte“ Riffpassage zu üben. So für Erwachsene quasi. Wenn man irgendwann mal in den Pazifik will ist eigentlich jedes Atoll dort nur noch über eine knifflige Riffeinfahrt zu erobern. Also könnte man das ganze hier mal üben. So hab ich das dann auch meiner Steuerfrau verkauft.

Die war am Anfang alles andere als begeistert, wieso auch so was Spannendes machen, wenn es doch den bequemen Südausgang gibt. Aber nachdem wir sämtliche Karten, Luftaufnahmen und Cruising-Guides studiert hatten, war sie dabei. Es ging also morgens los.

Das wichtigste ist zunächst, den richtigen Eingang zur Riffpassage zu finden. Sonst ist gleich am Anfang alles hin und du landest auf dem Riff. Wir tuckern also von Green Island los, die Sonne steht gut und tasten uns langsam nach Bird Island vor. Das ist unser Eingang. Gleich links davon ist ein erstes Riff. Kreisrund und braun, dicht unter der Wasseroberfläche zu sehen. Ich habe Hand-GPS und Papierkarte, Diana ihr GPS am Steuer mit digitaler Karte dazu.

Meine Karte ist vom Juli 2011, Diana´s digitale ist von 2006. Und schon gleich am Anfang gibt´s Ungereimtheiten. Während auf meiner Karte alles chico ist, steuert sie schon längst auf ihrer  Karte übers Riff. Das macht sie nervös.

Das ist aber das allerletzte, was ich jetzt gebrauchen kann: eine nervöse Steuerfrau. Denn ich weiß: im Spithead-Channel gibt es kein Zurück. Dort MUSST du durchfahren. Weiterfahren. Die Riffpassage ist so eng, dass du nicht drin wenden und umkehren kannst…
Ich versuche sie also zu beruhigen.

„Hör auf mich. Ich habe die neuere Karte von uns beiden. Ich weiß genau, wo wir sind. Guck nicht auf deine Karte. Hör nur auf mich!“

„ABER LAUT MEINER KARTE FAHRE ICH SCHON JETZT DIREKT ÜBERS RIFF!!!“

„Hör auf mich, Diana. Mach einfach genau das, was ich dir sage.“, versuche ich mit ruhiger Stimme Souveränität zu vermitteln. Als ob sie sonst auf mich hören würde… 

Aber ich sehe das Riff ganz deutlich links neben uns. Die Sonne kommt von rechts, da spiegelt das Meer. Aber links sehe ich die Riffkante. Nur Meter entfernt. Wir stampfen durchs Wasser. Tiefer hinein in den Channel. Der Point-Of-No-Return liegt längst hinter uns. Und nun wird auch die Brandung stärker, die uns von rechts ergreift und uns mit jedem Brecher links auf das Riff drücken will. Das Wasser ist erschreckend klar, man sieht jeden Stein, jeden Fels, jeden Korallenblock. Am Anfang ist der Channel 10 Meter tief. Und du fährst nur Meter an der Kante des Riffs vorbei, das nur 50cm unter Wasser liegt und sich im Schwell bricht. Wellen, Sicht und Riff – das alles ist so wie im Schneetreiben bei Nacht auf der Autobahn, wenn du gar nichts mehr erkennen kannst und dich nur noch an der Mittelleitplanke langhangelst. 

„Du machst das wunderbar!“ säusele ich Diana übertrieben lässig ins Ohr, so als ob sie ein bockiger Gaul wäre, der jeden Augenblick durchgehen könnte und den man auf gar keinen Fall auch noch reizen möchte. 

„Immer schön links“.
„ICH BIN ZU NAH! ICH BIN ZU NAH!“
„Immer schön weiter. Nur ruhig. Du machst das toll.“ 

Und dann werden die Wellen immer höher. Von rechts setzt richtig Atlantik-Brandung ein und schaukelt SCOOBY richtig durch. Sonst ist das nicht schlimm. Aber heute sind wir der berühmte Elefant im Porzellanladen und wollen um alles in der Welt nirgendwo gegen dotzen!

Der Channel soll an der flachsten Stelle 6 Meter sein. Bei ordentlichem Seegang und mit 2 Meter Tiefgang ist dort immer noch Polster für uns drin. Doch dann wird das Wasser immer flacher. Erschreckend FLACH!

Mit ruhiger Stimme frage ich bei Diana die Tiefe ab, weil ich längst jeden Guppy am Grund schwimmen sehen kann.
„12 Fuß“ – 4 Meter.
Das kann nicht sein, so flach DARF es nicht sein.

„9 Fuß“ – 3 Meter.
Wir sind 6 Fuß 2.
„8 Fuß“.

„Du machst das gut, Diana. Nur weiter. Alles ist ok!“

Mir wird schwarz vor Augen. Meine Knie zittern und ich spüre, dass ich nicht noch einen Tropfen Spucke im Mund habe.

Mein Herz rast. Was machen, wenn wir hier draussen auf dem Riff landen? Bei der Brandung. Das Boot ist im Nu aufgeschlitzt und abgesoffen! 

„Du machst das hervorragend, Diana! Jetzt nur schön Kurs halten! Ein Tick noch nach rechts, vielleicht.“
Ich halte die Luft an.

Ein nächster Brecher rollt von rechts heran – hebt uns und dann, was viel schlimmer ist, senkt uns… 

„SIEBEN FUSS FÜNF!!!“ ruft Diana.
Ich sehe die beiden Zahlen auf unserem Tiefenmesser…
Erstarrt.

Wir haben gerade noch 30 Zentimeter Wasser unterm Kiel…
Ich schließe die Augen… 

„Du machst das gut… So gut. Ich bin so stolz auf Dich!“ 

Jede Sekunde rechne ich mit dem Knatschen, dem Krachen, dem Reissen, wenn SCOOBY über´s Riff schreddert und es uns die Seite aufschlitzt… 

Sekunden vergehen, die sich wie Stunden anfühlen.
Ich habe diesen pelzigen Geschmack auf der Zunge.
Das Adrenalin schießt mir durchs Herz.
Doch der Eisberg lässt auf sich warten…

Nur die Ruhe.
Nur die Ruhe.
NUR DIE RUHE!

„8 Fuß“ ruft Diana.

Meine Hände haben sich in die Reling gekrallt. 

„9 Fuß“ ruft sie.
„10.“
„12.“
„16.“





 

Was folgt sind Minuten der Ergriffenheit.
Schweigen. Stille. Diana versucht, ihre Tränen zu verbergen.
Ich versuche mein Bewusstsein wieder zu erlangen.
Wir sind draussen!
Wir fallen uns in die Arme.
Wir haben es geschafft!

Mit der sprichwörtlichen Hand-breit Wasser unterm Kiel erreichen wir den Ausgang des Spithead Channels und das offene Meer. 

„Siehst Du, Diana. Hab ich doch gesagt. War doch ein Zuckerschlecken! Ganz einfach, diese Riff-Passage.“ 

Ja, ja.

Was bleibt?
Wie sich doch die Sicht der Dinge verschiebt im Laufe der Zeit. Als wir am Anfang das erste Mal mit dem Boot über 1.000 Meter tiefes Wasser gefahren sind, da habe ich mich schon irgendwie unwohl gefühlt. Unsicher.

Ab heute kann es gar nicht tief genug sein… 😉 

Jetzt aber auf nach Dickenson Bay.
Auf an die erste Beachbar seit Tagen – ach was rede ich: seit WOCHEN!
Das haben wir uns auch verdient…

Und dann war ja schließlich auch noch EM und unsere Mannschaft brauchte Unterstützung!!!

 

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