Zwischen hier und Afrika nur noch ein Riff

Seit den frühen Abendstunden des 14. Juni 1972 rückt dieser Tag unaufhörlich näher: mein vierzigster Geburtstag.
40!
Au Backe…

Und was macht man an so einem Tag, wenn man bereits seit über einem Jahr mit seiner Ehefrau auf einem knapp 12 Meter kleinen Segelboot in der Karibik unterwegs ist und nicht mit seiner Familie und Freunden feiern kann?

Man feiert mit seiner Ehefrau auf einem knapp 12 Meter kleinen Segelboot!

Dafür hatten wir uns allerdings einen speziellen Ort ausgesucht: Nonsuch-Bay. Am östlichsten Ende ANTIGUAS gelegen. Offen nach Osten, direkt zum Atlantik hin. Nur noch geschützt von einem einzigen, vorgelagerten Riff. Dann kam nichts mehr für tausende von Kilometern und dann Afrika!

Wenn schon – denn schon.

Die Überfahrt von GUADELOUPE war toll. Wieder viel Wind und gute Wellen. Wieder über 9 Knoten Fahrt! Im Nu waren wir da.

Wir kommen an in ENGLISH HARBOUR, diesem traditionsreichsten aller traditionsreichen Häfen. Ein kompletter Naturhafen. Wenn du von Süden ankommst, siehst du die Einfahrt kaum. Links nur eine gut getarnte, flache Festung in die Naturklippen gehauen, auf die unaufhörlich gewaltige Brecher schlagen. Rechts davon ein imposantes Cliff mit den einzigartigen „Säulen des Herkules“ davor, die in Jahrmillionen von der immer-tosenden Brandung in den Stein geschliffen wurden. Du segelst direkt auf die Festungsmauern und das Cliff zu und drehst dann kurz davor rechts rein. Sofort lässt die Brandung nach, die dich eben gerade noch auf die Felsen spülen wollte. Die See wird schlagartig ruhig, der Wind lässt nach und es öffnet sich ein fast paradiesischer, natürlicher Innen-Hafen. Vollkommen umgeben von Felsen, Mangroven, Palmen und weißem Sandstrand und gesäumt von historischen Hafen- und Dockanlagen von Admiral Nelson aus dem 17. Jahrhundert – allesamt toll in Schuss und immer noch in Betrieb! Dieses historisch-maritime Flair saugen wir begeistert in uns auf und wandern fast ehrfurchtsvoll über die alten Dockanlagen. Wenn diese Steine reden könnten…

In einer uralten, steinernen Bar gucken wir DEUTSCHLAND-PORTUGAL und erfreuen uns mit den Einheimischen an Super-Mario. Gut gemacht!

Danach geht´s weiter in die MAMORA-BAY, wo wir 2 Tage vorm ehrwürdigen St. James Club liegen und Roter Oktober flicken. Dann geht´s endlich in Richtung Nonsuch-Bay.

Am Vorabend meines Geburtstages laufen wir unter Motor in die knifflige und enge Zufahrtspassage ein, die in die Bay führt. Überall Riffe, Felsen und Korallenblöcke. Ein neues Wrack gleich an der Einfahrt mahnt zur Vorsicht. Wie das Segelschiff „Nonsuch“, das diese Einfahrt 1647 fand, dies ohne GPS und Chartplotter gemacht hat, bleibt mir ein Rätsel. Sechzehnhundertsiebenundvierzig – RESPEKT. Wir tasten uns im Schneckentempo weiter in die Bucht vor und dann sind wir drin! Links öffnet sich das breite, flache Wasser, rechts liegt die unbewohnte Insel GREEN ISLAND, dann folgt das weite, gut sichtbare Riff, auf dem sich die Wellen brechen.

Der Witz an dieser Bucht ist, dass sie nach OSTEN liegt.
Normalerweise könnten wir nie im Leben in so einer Bucht liegen.
Denn der Wind kommt aus Osten und die Wellen donnern tausend Kilometer ungebremst über den Atlantik hier rein. Quasi in letzter Sekunde werden die Wellen vom Riff gebrochen und gebremst. Direkt hinter dem Riff ist das Wasser ruhig und man kann ankern und diesem Naturschauspiel zugucken.

Wir sind natürlich das einzige Boot!

Und ganz schnell fühlst du dich hier auch wie der letzte Mensch!

Diana fängt an, einen Käsekuchen zu backen.
Ich sitze draussen an Deck.
Alleine.
An meinem Vierzigsten.
Ich schaue aufs Wasser hinaus, auf die unendliche Weite des Ozeans.
Ich lausche den Wellen.
Die Luft schmeckt hier draussen hinterm Riff noch salziger als sonst.
Wir sind weit gekommen.
Verdammt weit.

Die Möwen kreischen, die Brandung donnert in der Ferne übers Riff, die Sonne geht unter.
Es ist mein Geburtstag, hier kann ich 6 Stunden früher feiern.
Hier am Ende der Welt, wo zwischen mir und dem endlosen Meer nur noch ein schmales Riff liegt…

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