Waterloo

Da war noch eine Rechnung offen! Vor über 4 Jahren standen wir im „Schwarzwald“ fast am Gipfel eines Berges, um die „Quelle der Jugend“ zu finden. Seit Stunden waren wir den sumpfigen Morast hinaufgestiegen, immer höher, bis wir schließlich in den Wolken waren und der Wald von Nebelschwaden durchzogen wurde. Der Wald war dicht und alles war durch tagelangen Regen aufgeweicht und glitschig. Wir hatten Turnschuhe an. DAS war unser Fehler.

Eine Horde Affen sprang in den dichten Blätterdächern laut lachend über unsere Köpfe hinweg, so als ob sie wüssten, wohin wir wollten und dass wir es nicht schaffen würden.

Wir erschraken nur kurz und ließen uns nicht abhalten, denn das Ziel trieb uns weiter an. Der Schweiss ran uns an allen Körperflächen entlang, aus allen Öffnungen heraus und dann wieder irgendwo hinein.  Es waren 35 Grad und es ging immer noch steil bergauf. Schon seit Stunden.

Unten, am Anfang des Pfades, der schon lange keiner mehr war, war ein Teich mit Enten. Umsäumt von 3 oder 4 typischen Schwarzwald-Häuschen, erbaut im Fachwerkstil, Weiss getüncht und mit schwarzen Jägergartenzäunen davor. Dazu eine Kapelle für verliebte Paare, die sich in dieser Idylle das Ja-Wort geben wollten. Menschen gab es keine.

Seit Stunden treibt es uns diesen verfluchten Berg hinauf.

Mitten durch den menschenleeren Dschungel.
Sind wir eigentlich verrückt?

Wir reden nicht.
Wir gehen einfach immer nur weiter.
Wir krabbeln.
Und als es nicht mehr weiter ging, gehen wir auf allen Vieren.

Und als auch das nicht mehr ging, weil es so steil war und so nass, dass wir wie zwei fette, alte Maikäfer nach einem Meter nach oben immer wieder zwei Meter nach unten abrutschten, beschlossen wir, aufzugeben…

Es wurde schon dunkel und es wurde lebensgefährlich.

Wir haben aufgegeben. 

Wir haben die „Quelle der Jugend“ nicht erreicht.
Nie.
Wir haben nicht in ihr gebadet.

Wahrscheinlich waren es nur noch einige wenige Meter, aber wir haben das geheiligte Wasser nicht erreicht.

Nun muss ich mit grauen Schläfen und Glatze leben.

Auf unseren nassen, braun-morastigen Ärschen glitschen wir langsam und unendlich enttäuscht den Berg wieder herab.

Wir reden nicht.

Am Fuße des Berges wuchern üppige Kaffeesträucher und es mündet ein kleines Bächlein.

Wir waschen uns in diesem Bach den Matsch von unseren Beinen und Händen.
Das Wasser ist kühl.
Es schmeckt süßlich.
Und wenn du deine Haut damit benetzt, spürst du jede Zelle in dir explodieren…

Dieser „Schwarzwald“, in dem sich dieses tragische Ereignis Anfang 2008 abspielte, hieß auf spanisch „Selva Negra“ und lag im tiefsten Regenwald im Norden von Nicaragua, zwischen Matagalpa und Jinotega. Und die „Quelle der Jugend“ hieß „Fuente de la Juvenidad“.

Und es war der Januar 2008 – noch unendlich weit entfernt von Segelboot und Weltumseglungsphantasien.

Wir beide aber wussten in diesem Moment, dass dies unsere einzige Chance war und das wir hierher nie wieder zurückkommen würden…

Umso entzückter war ich, als ich von einer Quelle hörte, die in den Gipfeln Guadeloupes entspringen würde…! Zu der sogar schon alte Frauen und Fünf-Jährige aufgestiegen sein sollen. So locker in dreieinhalb Stunden. Ungefähr.

Wir schreiben also das Jahr 2012, 4 Jahre nach unserem nicaraguanischem Waterloo, und erhalten nach einem unglaublich aufregenden Montserrat-Aufenthalt und einer waghalsigen Hart-Am-Wind-Überfahrt erneut die Chance, die Quelle zu finden.

DIE Quelle.

Da das Ganze ja nicht allzu doll sein soll, gehen wir mittags los.

Wir waren auf Guadeloupe angekommen. In Deshaies. Einem kleinen und sehr netten Fischerdörfchen.

Der Weg zur Quelle geht einfach immer dem Fluss entlang. Bergauf natürlich.

Natürlich. Ist logisch.

Das hat man uns jedenfalls gesagt.

Was dann nicht logisch war, war, dass weder links noch rechts vom Fluss ein Weg verlief.

Der Weg verlief also IM Fluss.

Der Fluss hatte sich über Jahrmillionen in den guadeloupenischen Fels gefressen und links und rechts wurde er wie von der Chef-Dekoratöse von IKEA von unglaublich grünen und saftigen Urwaldpflanzen geschmückt, die irgendwie fast wie künstlich von den Granitfelsen herabwucherten.

Wir entschlossen uns also, im Fluss den Aufstieg zu wagen.
Springend von Stein zu Stein.
Immer weiter bergauf.
I
n einen immer undurchdringlicheren Dschungel.

Keine Menschen.
Keine Touristen.

Plötzlich ertönt ein lautstarkes „Jalalalala-li!“, und ein nackter, dunkelhäutiger Mann mit Dreadlocks und Machete springt aus dem Fluss zwischen Steinen hervor und das Ufer hinauf, um sich ungesehen hinter gewaltigen Steinen zu verstecken.

„Eingeborene! Nackt!“, denke ich mir.
„Die sollen nur kommen!“, denke ich mir.

Es geht weiter hinauf.

Steiler.

Es gibt keinen Weg.

Hier soll ein Fünfjähriger hoch?

Wir sprechen nicht.

Wir sind fast im Dauerlauf-Modus und springen wie zwei Besessene von Stein zu Stein.

Keine Pause.

Immer weiter.
Hinauf zur Quelle.
Diesmal schaffen wir es!
Immer weiter!
Keine Pause!

Wie auch schon vor 4 Jahren verdunkelt sich irgendwann der Himmel und die Wolken sind im Wald! Schon seit Tagen hatte es geregnet. Der Fluss war voll.

Große schwarze Falter flattern ins dunkle Grün.

Wilde Mangos.

Flussfische, die vor uns reiss-aus nehmen.

Um Punkt 15:00 Uhr und nach diversen „Ausrutschern“ und den ersten Regentropfen schaut mich Diana an.

„Ich geh noch genau 15 Minuten weiter – dann müssen wir an den Rückweg denken!“

„OK, wenn Du meinst!“

Es geht immer steiler nach oben. Jede Windung wird enger.
Die Steine immer glitschiger, von Moos überwuchert.

Das Wasser rauscht.

Wir sind berauscht.

Aber wir sehen kein Ende.
Aber wir finden ein Ende. 

Schon wieder:
Wir geben auf!
Wir müssen zurück.
Wir finden die Quelle nicht…
Wir springen und rutschen den Berg hinab. DURCH den Fluss.

Und kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir den Strand, wo der Fluss ins Meer mündet und vor dem unser Boot liegt…

Wir erreichen unser Dinghy, waschen uns erschöpft die Urwalderde von unseren Waden und tuckern still schweigend zurück zu SCOOBY…

Vom Flusswasser ist meine Haut butterweich.

Und ich schaue meinen schwitzenden Körper hinab und glaube überall mehr Haare zu entdecken…

Während der Fahrt zurück muss ich an den Fünfjährigen denken, der die Quelle erreicht haben soll.

Wer war das?
Arnold Schwarzenegger mit Fünf?
Oder der Dalai Lama?

Fast zwangsläufig summe ich in meinem Kopf „Waterloo“ von ABBA vor mich her und versuche, meine Trauer zu unterdrücken.

„Hast Du was gesagt?“, fragt Diana.
„Nein! Fahr weiter! Ich musste nur an den „Selva Negra“ und die Quelle der Jugend denken…“.

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