OH, MONTSERRAT!

Seit wir auf den Jungferninseln angekommen waren redete Diana von MONTSERRAT.
Ich war mir ehrlich gesagt nie so sicher, ob wir da wirklich hin sollten.1995 ist der Vulkan das erste Mal ausgebrochen.

Die letzte Eruption war Ende 2010. Bis dahin hatte der Vulkan die Hälfte der Insel zerstört, die jetzt ein Sperrgebiet ist. Hauptstadt, Flughafen und alles Zivilisatorische wurden unter Asche oder Lava begraben.

Das Seegebiet um MONTSERRAT gilt als gefährlich. Es ist nicht ausreichend kartografisch erfasst, die vielen Ausbrüche der letzten Jahre haben die Küste über und unter Wasser stark verändert. Das Seegebiet um den südlichen Teil der Insel wurde zum Sperrgebiet erklärt. Überall ist neues Land entstanden, sind Felsen abgebrochen oder versunken oder ganze Gesteinsplatten über hunderte von Metern tektonisch verschoben.

Und dann dachte ich immer an Katastrophen-Tourismus oder Autobahn-Gaffer.

Mal sehen…

Als wir in der neuen „Hauptstadt“ ankommen, sind wir das einzige Boot – und sind auf dem Weg dorthin ordentlich durchgeschüttelt worden. Da sag mal noch einer was über die angeblich so liebliche Karibik. Nix da! Die Passagen zwischen den Insel sind mörderisch! Mit zweitem Reff und hoch am Wind donnern wir fast mit 8 Knoten durch meterhohe Wellen!

Auf Montserrat angekommen gibt es einen kleinen Handelshafen und die entsprechenden Behörden. Ein paar Ziegen, zwei, drei kleine Bars.

Die Leute sind unglaublich nett und unglaublich stolz.
Und sie freuen sich, dass wir hier sind – dass wir von soweit gekommen sind!

Alle schauen in die Zukunft. Mehr einheimische Flüchtlinge sollen zurückkommen, mehr Arbeitsplätze geschaffen, mehr neue Touristen sollen kommen. Wir sind erstmal die einzigen Touristen…

Unsere erste Nacht verbringen wir in der Einheimischen-Disco mit 4 Montserratians.

Diana lernt Yolanda kennen und isst nachts um 12 frischen Haifisch aus der Hand…

Ich lerne Sam kennen. Sam Sword.

Am Sonntag ist er in den Bergen unterwegs mit Blacky, seinem Hund. Ziegen jagen. Blacky stellt die Ziege – Sam schwingt das Lasso und fängt dann die Ziege. Ich würde gerne mit Sam in den Dschungel jagen gehen – Diana verbietet es aber…

Sam kann uns in die „Verbotene Zone“ bringen, in den Südteil der Insel, der in mehrere Sperrgebietszonen unterteilt ist. Zum Vulkan, in die versunkene Hauptstadt. Dafür will er 100 Dollar!

Das ist nicht drin… Leider.
Sam sagt, wir sollen auf andere Touristen warten und dann die Kosten teilen.
Gute Idee.

In der Zwischenzeit gehen wir wandern. Oh Montserrat, die Insel ist so unglaublich fruchtbar. Hier wächst alles. Alles und schnell. Und schön. Und doll. Wenn du hier auf den Boden niest, wächst sofort ein Mango- oder Avocado-Bäumchen draus… Setzt du dich irgendwo hin zum Pause-machen, hast du nach 10 Minuten Wurzeln an deinem Hintern…

3 Tage haben wir gewartet – dann kam ein anderes Boot. Mit einer netten Ami-Familie drauf. Vater-Mutter-Sohn. Und natürlich hatten die Lust, den Vulkan zu sehen. Also haben wir die Kosten geteilt und Sam angefunkt. Sam war im Dschungel jagen…

Morgens um 10 kommt er uns abholen und wir fahren Richtung Süden. Die Insel gleicht einem Garten Eden: alles wächst, sprießt und gedeiht. Irgendwie kann das doch alles gar nicht so schlimm sein mit diesem Vulkan, denke ich mir.

Doch dann verändert sich plötzlich die Insel. Ganz plötzlich.
Keine Menschen mehr. Schöne Häuschen.
Aber leere Häuschen.

Und dann sieht man die ersten grau-schwarzen Einschnitte in der grünen Natur. Was zunächst aussieht, wie ein ausgetrocknetes Flussbett, entpuppt sich als Überbleibsel des Vulkanausbruchs. Wir halten an einem verlassenen Hotel und durchstöbern die Räume, Zimmer und Büros. Hier liegen noch Kontoauszüge und Frühstücksbestellungen. Spooky. Das erste Mal durchfährt mich ein seltsamer Schauer. 

Eine Straße gibt es dann nicht mehr. Wir holpern über Vulkan-Geröll. Plötzlich links neben uns im dichten Gebüsch eine Hafenmole – ein Riesenfestmacher für Boote mitten im Land, nur kein Meer mehr… Hier war mal der Hafen! Jetzt liegt er einige hundert Meter im Landesinneren auf dem Trockenen! Davor ist neues Land entstanden. Eine neue Erde. Eine neue Welt! Diana ist begeistert und fragt mich, ob ich jemals mit meinen Füßen auf so einer jungen Welt gegangen bin…

Bin ich nicht! 

Weiter geht´s über einen verschütteten Golfplatz. Das Clubhaus hatte mal  3 Stockwerke. Jetzt gehe ich auf dem Dach spazieren. Gänsehaut!

Dann ist Schluss.
Eine Polizeisperre und ein weiteres Hinweisschild: Bis hierher und nicht weiter!Sam steigt aus und gibt dem Polizisten einen Zettel mit unseren Namen drauf. Die Beiden kennen sich. Und dann geht es weiter…

Wir fahren über Straßen, die leer sind.
Keine Autos, keine Menschen, keine Tiere mehr.

Immer wieder geht links oder rechts eine kleinere Straße ab, die ins Nirgendwo führt und nach einigen Metern abrupt in einem abgerissenen Abgrund oder tiefen Schlund endet…

Wir fahren vorbei an Häusern, die leer sind.

Ab und zu liegt ein Riesen-großer Gesteinsbrocken mitten im Garten.

Und alles sieht nur so ganz und gar kurzfristig verlassen aus – so als ob alle nur mal kurz weg sind und gleich wieder kommen…

Aber es kommt keiner wieder und allmählich überwuchert die Natur alles…
Dann kommen wir an in Plymouth, der alten Hauptstadt.
Oder das, was von ihr übrig ist…

Aufgrund der Tragik dieses Ereignisses möchte ich an dieser Stelle keine abgedroschenen Phrasen vom „Pompejei der Neuzeit“ oder von der „Schrecklichen Schönheit der Natur“ dreschen. Denn obwohl man für die Evakuierung der Stadt fast 3 Wochen Zeit gehabt hat und insgesamt „nur“ 19 Menschen gestorben sind, sieht hier alles so aus, als ob die Leute vom Frühstückstisch aufgestanden und geflohen sind! Und das bewegt einen sehr…

Der einzige Lichtblick an diesem Tag ist, dass alles hier noch vor ein paar Jahren wie eine Mondlandschaft aussah, sich mittlerweile aber wieder die Natur ihren Weg bahnt… 

Die unglaublichen Eindrücke und urgewaltigen Bilder, die wir an diesem Tag mitnehmen, brennen sich ein in unser Gedächtnis für immer. Und wir nehmen sie auf und sind ergriffen. Wir sind eine ganze Inselkette herunter gesegelt: Saba, Statia, St. Kitts und Nevis. Jede hatte ihren Vulkan. Doch im Nachhinein war alles irgendwie für uns nur wie eine Generalprobe. Denn ganz zufällig haben wir in unsere Reiseroute einen dramaturgischen Spannungsbogen bekommen, der in MONTSERRAT seinen logischen, aber erschreckenden Höhepunkt fand.

OH, MONTSERRAT, wir wünschen Dir und Deinen Menschen viel Kraft für Eure Zukunft!

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