Die Trueman-Show

Das abgefahrene an SABA ist seine Geschichte. Eine Geschichte, die irgendwie aus Hollywood stammen könnte, so skurril. SABA ist unglaublich klein und war bis Mitte der 1940er fast überhaupt gar nicht zugänglich.

Alles – und damit meine ich ALLES – musste in einer wilden Bucht mit oftmals harter Brandung per Ruderboot angelandet werden und dann wurde alles per Hand eine steile Steintreppe die Klippen hoch getragen. Es gab keinen Hafen, keine Straßen. Die Insel sieht aus, wie eine Festung, wie aus „Herr der Ringe“, steile Felswände, die aus dem Meer ragen, wohin das Auge reicht. Mit 1.600 ungewöhnlichen Bewohnern. 

Um von einer Siedlung zur nächsten zu kommen, gabs nur steile, schmale Bergpfade. Die Holländer, denen die Insel gehört, haben immer wieder Ingenieure nach SABA geschickt, um die Machbarkeit einer Straße zu prüfen. Doch alle haben immer abgewinkt. Unmöglich.

Bis eines Tages ein Einheimischer auf die Idee kam, einen Fernkursus als Straßenbauingenieur an einer Chicagoer Uni zu belegen. Und das Wunder geschah: 1958 hatten die Sabians ihre erste und einzige Straße per Hand gebaut: The Road that couldn´t been built. Eine Straße, von der alle Schweizer träumen könnten…

Ähnliches wiederholte sich mit dem Flughafen: die Sabians wollten einen, die Holländer sagten: „Unmöglich!“

Aber dann war da dieser Pilot, der sagte, ich schaff das.

Und die Sabians ebneten die einzige einigermaßene Schotter-Ebene – 400 Meter im Norden der Insel. Und heute haben sie ihre Landebahn: 400 Meter, Landung wie auf einem Flugzeugträger.

Und ich glaube, diese beiden Anekdoten sind ein Teil der Erklärung für das, was wir auf SABA vorfanden…

Am zweiten Tag nach unserer Ankunft hatte sich das Wetter beruhigt und wir konnten an Land. Das mag sich für den einen oder anderen seltsam anhören. Aber SABA hat keinen einzigen Strand, wo man mit dem Dinghy bei stürmischem Wetter gefahrlos anlanden könnte. Und von dem einzigen Ankerplatz vor schroffen Felswänden ist es eine knappe halbe Stunde Fahrt mit dem Dinghy auf die Südseite der Insel, um an dieser Stelle dann sicher an Land zu kommen. Das ist aber nur möglich (bzw. erträglich), wenn die See unter 2 Meter hoch ist… 

Als wir in FORT BAY an der Südseite an Land gingen, kam ich mir vor, als ob ich plötzlich in einer Versorgungssiedlung in Grönland wäre. Kein Baum mehr, steile Schotter- und Geröllfelder, Container-Häuschen und ein ober-skurriles, ohrenbetäubendes E-Werk, das von zwei gigantischen Caterpillar-Diesel-Generatoren angetrieben wurde. Hier sah es aus wie in einem Basislager am Mount Everest… 

Direkt hinter dem Kraftwerk ging „die Straße“ hoch in die Hauptsiedlung „The Bottom“. Warum man eine Siedlung „Bottom“, also Grund, nennt, zu der man erst einmal 600 Meter aufsteigen muss, bleibt mir bis heute verschlossen. Vor allem, wenn diese 600 Höhenmeter in weniger als einer Meile geschafft werden müssen. 

Aber oben in The Bottom angekommen, verschlägts einem glatt die Sprache: es eröffnet sich ein kleines Tal, eine kleine Ebene, in der ein unglaublich pittoreskes Städtchen liegt. Kleine weiße Holzhäuschen mit roten Dächern. Kleine, knallbunte Gärten davor mit weiß getünchten Gartenzäunchen. Akkurat geschnittene Paradiesblumensträucher, englischer Rasen, der mit der Nagelschere gestutzt wurde. Überall blüht es und sprießt es und summt und brummt es. Ein winziger Kolibri hier, ein farbenfroher Schmetterling da. Kein Müll, keine Werbung, kein Lärm. Und alles ist von unglaublich dichtem, tief-grünem Wald umgeben, der die Hänge und Steilwände hochwächst, bis diese in den Wolken verschwinden. Und es gibt hier alles, obwohl die Insel nur 1.600 Einwohner hat. Ein Hospital, Kirchen, Kindergärten, Schulen, eine Universität, Altenpflegeheime, Polizei, Bäcker, Feuerwehr… Jeder scheint hier für jeden da zu sein. 

Wir sind die einzigen Touristen. Jeder grüßt uns, jeder fragt uns, ob er uns ein Stückchen mitnehmen kann. 

Wir sind absolut geflasht. 

Am anderen Tag erkunden wir das zweite „Städtchen“: Windwardside. Und das topt selbst The Bottom noch: kleine Kirchen, süße Häuschen mit eigene Zisternen, winzige Parks, kleine Friedhöfe verteilt mitten in der Stadt. Und jeder kennt jeden. 

Plötzlich kommen wir uns beide vor, wie im Hollywood-Film „Die Trueman Show“, in der Jim Carey in einem kleinen Traumstädtchen groß wird, ohne zu wissen, dass sich alles um eine Fernsehshow-Kulisse handelt, deren einziger, nichtwissender Star er selbst ist. Das alles hier ist zu schön, um wahr zu sein. Steffen und Ralph hätten ihre wahre Freude daran…

Am Ende des Tages fange ich an, öfter mal mit dem Fingernagel an Häuser- oder sogar Felswänden zu kratzen, um zu gucken, ob die Farbe absplittert und darunter Pappmaché zum Vorschein kommt. 

Doch es kommt noch besser.

An Dianas Geburtstag beschließen wir, Hollands höchsten Berg zu besteigen: den Mount Scenery, 3.084 Fuß hoch, fast 1.000 Meter. Das ist eine echte Günter-Jauch-Millionen-Frage. Ja, denn der größte Berg Hollands liegt in der Karibik. 

Der Aufstieg zum Gipfel ist kaum zu beschreiben.

Wir wandern durch fruchtbare, wilde Steilhänge. Wilde Orangen und Zitronen. Wilder Kakao. Bananen, Papayas, Mangos, Himbeeren, Guavas. Palmen, Urwaldriesen, Mahagoni und RIIIIIIIESIGE Elefantenohren, überall, wie bei Hagenbeck´s im Botanischen Garten dekoriert. Alles ist hier so perfekt, als ob es ein Dekorateur von Ikea gemacht hätte oder Stephi von Effectiv Team ihre Finger im Spiel hatte… 

Doch am Gipfel angekommen begrabe ich endgültig meine Zweifel und mein Misstrauen ob der Echtheit dieser Schönheit und gebe mich dieser paradiesischen Natur einfach hin, mit der die Menschen hier noch so sehr im Einklang leben. Es ergreift mich mit voller Wucht. Wir steigen durch einen Regenwald hinab, der fast immer in den Wolken liegt. Die Pflanzen, die ich sehe, sehen schon seit Millionen von Jahren so aus. Moose, Flechten, Farne.

Es duftet nach Urzeit.

Ich denke über die Welt als Insel nach.

Denke an Viktor, der in seinem Pixibuch unbedingt eine Brücke auf seine einsame Insel bauen will, um nicht mehr ganz so einsam zu sein und sich damit am Ende fast selbst umbringt.

Denke an Griechenland, Rettungsschirme, systemisch relevante Finanz-Institute und weitere Absurditäten aus dem menschlichen Gruselkabinett und schaue plötzlich etwas mit Neid auf die Sabians: weit weg von alle dem, von dem Irrsinn, weit weg vom Schuss. Doch so nah dran an dem, was wirklich zählt und einen bestimmt und glücklich macht: die Natur und das echte Leben.

Und ganz plötzlich mache ich mir etwas weniger Sorgen um unsere Zukunft. Und etwas weniger Sorgen um die Natur. Denn sie ist so unglaublich anpassungsfähig und stark. Auch wenn der Mensch sie verschmutzt und zerstört, am Ende wird diese unbändige Kraft alles überwuchern und es wird wieder Stille auf der Insel Erde eintreten.

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