Razzia auf Anguilla

Der Bann war gebrochen: im Morgengrauen funken wir ein letztes Mal die Marina Fort Louis auf SAINT MARTIN an, tanken Wasser und Diesel. Ein letztes Mal „bedient“ uns ein mupfeliger Franzose. Der brubbelige Zöllner, bei dem wir auschecken, kann uns nichts mehr anhaben.

Wir sind auf dem Weg nach ANGUILLA!

Frischer Wind kommt auf, wir lassen die Hügelkette der Bucht von MARIGOT hinter uns und gleiten hinaus aufs offene Meer. Im Morgendunst ist ANGUILLA bereits am Horizont auszumachen. Segeln wie auf Schienen, gemacht für Sonntagssegler. Immer geradeaus, dann fast gen Norden. Denn bevor wir die karibische Inselkette weiter Richtung Süden erkunden, geht´s zur nördlichsten Insel ANGUILLA. Schon der Name verspricht Romantik…

Wir passieren den süd-westlichsten Punkt der Insel, BLOWING ROCK, der seinem Namen alle Ehre macht und schießen dann hoch am Wind in Richtung ROAD BAY, unserem Ziel. Steil ins Meer ragende Klippen begrüßen uns auf der Nord-Westseite der Insel, Gesteinsformationen in aussergewöhnlichen Farben. Ein bisschen Helgoland-Feeling in der Karibik. Dazu mischen sich die süßlichen Düfte von Vanille und Marihuana, die vom Land aufs Meer hinausziehen…

Unsere Ankerbucht ROAD BAY entpuppt sich als absoluter Traumhafen: türkis-blaues Wasser über weissem Sandgrund, ein breiter weisser Strand, ein paar Fischerboote, dahinter Palmen und ein paar Bars mit verträumten Häuschen.

Wir gehen an Land, im Zoll- und Immigrationoffice begrüßen uns zwei nubische Schönheiten: zwei Beamtinnen á la Naomi Campbell und Rihanna, hineingezwängt in hautenge Uniformen. Man begrüßt uns freundlichst, unsere Pässe will man gar nicht sehen. Ob wir ein Auto mieten möchten? Wir sollen es einfach sagen, die Beamtin würde sich drum kümmern. Heute Abend würde das große Livemusic-Festival MOONSPLASH in der Rendevouz Bay starten, alle gehen hin, ob wir nicht auch kommen wollen?

Wollen wir! Und wir lieben eure Insel – schon jetzt!

Noch nie wurden wir irgendwo so nett begrüßt – es hätten eigentlich nur noch zwei eiskalte Begrüßungs-Cocktails mit Sonnenschirmchen gefehlt…

Das „Städtchen“ ROAD BAY ist Programm: es ist ein langer, weißer Strand und dahinter verläuft eine Straße. Ab und zu fährt ein Auto vorbei oder ein Hahn kräht. Wir stärken uns im RIPPLES mit Roast Beef und Bier, bevor uns LIONEL zum MOONSPLASH in die RENDEVOUZ BAY fährt. LIONEL ist so ungefähr hundert und hat die Revolution hier auf ANGUILLA am eigenen Leibe miterlebt. Er erzählt. Nachmittags war er mit Kumpels im Kino, als sie raus kamen und in Richtung Polizeipräsidium einbogen, wurde das Feuer eröffnet. Eine Maschinengewehrsalve zertrümmerte ihm fast seinen ganzen Bauch. Das war 1967. England, damals Kolonialmacht über Anguilla, hatte aus Kostengründen beschlossen, Anguilla einfach mit einer anderen Inselgruppe weit im Süden, ST. KITTS und NEVIS „zusammenzulegen“. Unabhängig von Geschichte oder Kultur. Darüber waren die Anguillaner natürlich gar nicht erfreut. Das wäre so, als wenn man Hamburg an Bayern anschließt. Die Leute von St. Kitts wollten Anguilla dann auch gleich laut ihrem Präsidenten „in eine Wüste verwandeln“ und marschierten in Anguilla ein und besetzten die Polizeistation. Eine überraschend große und schwer bewaffnete Meute anguillanischer Rebellen eröffnete darauf hin Tag und Nacht das Feuer auf die Polizeistation, bis die St. Kitts´schen Besatzer ziemlich genervt waren. Man gab den Besatzern eine letzte Chance zur Flucht, die diese auch nutzten. Daraufhin hatten die Anguillaner jedoch Angst, dass es zu einer neuen Invasion von St. Kitts kommen könnte und marschierten deshalb kurzerhand präventiv auf St. Kitts ein und beschossen ihrerseits tagelang die örtliche Polizeistation. Mit einer Hand voll Männer. Das ganze endete in einem Fiasko. Danach aber wollte sich niemand mehr aus St. Kitts mit den Anguillanern anlegen. In der Folge unterstützten einige „amerikanische Geschäftsleute“ den Wiederaufbau von Anguilla, die auch schon die Revolution mit finanziert hatten. Die Britten wiederum dachten daraufhin fälschlicher Weise, dass die Insel von der Mafia übernommen worden wäre und marschierten in Anguilla ein. Bewaffnete Truppen stapften die Strände hinauf und fanden neugierige, kleine Jungs und Ziegen vor… Die Blamage für die Britten war perfekt – Anguilla aber bekam, was es wollte und gehörte fortan wieder zu England…

Auch 40 Jahre später kann man diese Stimmung irgendwie noch spüren. Auf dem MOONSPLASH FESTIVAL laufen alte, bärtige Männer mit meterlangen Dread Locks rum, rauchen kubanische Zigarren und haben jeweils links und rechts mindestens 2 junge Kakao-braune Schönheiten im Arm. Mindestens. Über einem Sofa neben der Bar hängen vergilbte Fotos von Ché und Fidel.

Auf dem Weg zurück nach ROAD BAY nimmt uns ein „Gärtner“ in seinem Jeep mit, fährt noch ein paar Umwege und zeigt uns seine Insel. Sowieso, das ist ganz wunderbar hier auf Anguilla: fast immer, wenn wir irgendwo an der Straße entlang marschieren, halten Leute an und fragen, wo sie uns denn hinfahren könnten. Die Krönung ist eines Tages ein Regierungsbeamter, der während der Fahrt in seinem Office anruft, dass er später kommt, weil er uns erstmal nach SHOAL BAY EAST, einem kilometerlangen, feinen Sandstrand im Norden fahren muss. Die Leute sind so unglaublich nett und offen hier und freuen sich, dass wir hier sind!

Das scheint sich eines Tages ganz plötzlich zu ändern:

Nach dem Frühstück schlüpfe ich in meinen Taucheranzug und putze SCOOBY von unten. Das ist mittlerweile so alle 4-5 Wochen nötig, der SCOOBY sieht von unten aus, als ob er Flöhe hat. Muscheln, Algen, Millionen von kleinen Krebsen und Hummerlarven, Gras, Seeanemonen und so weiter… Eine echte Knochenarbeit, das alles unter Wasser zu entfernen, dauert so zwei Tage. Dazu trage ich Stöpsel im Ohr, kann also nichts hören und leide natürlich unter permanenter Sauerstoffknappheit.

Als ich in letzter Sekunde mal wieder nach oben schieße, um Luft zu holen, traue ich meinen Augen kaum: Diana steht im Bikini über die Reling gebeugt und ruft nach mir. Neben ihr – auf unserem Boot – steht ein großer, sehr starker, uniformierter Farbiger mit Pistole im Anschlag… Im Augenwinkel meiner Taucherbrille entdecke ich ein riesengroßes Mega-PS Schlauchboot mit weiteren neun (!) Beamten an Bord, die allesamt so martialisch aussehen, als ob sie gerade aus Afghanistan kommen würden. RAZZIA! Diana fuchtelt wild und signalisiert mir, dass ich an Bord kommen müsste. Ich aber kann nicht, bin nach 2 Stunden unter Wasser viel zu kaputt und außer Atem, und außerdem kriege ich meinen Taucheranzug gar nicht so schnell aus. Wäre ja noch schöner, wenn ich die ganze Bude volltropfe…

Zwei weitere Beamte springen an Bord! Lange Hosen. Schwarze Springerstiefel, die nette schwarze Spuren auf unserer weißen Raffaello-Segelyacht hinterlassen!

Diana geleitet die drei muskelbepackten, grimmig drein schauenden Schwarzen hinunter ins Boot und öffnet sämtliche Luken und Bodenbretter. Ich sitze in meinem Taucheranzug hinten auf der Badeleiter und pfeife aus dem letzten Loch… Diana sieht süß aus. In ihrem weiß-rot-gestreiften Bikini. Mit den drei bewaffneten Soldaten im Schlepptau. Hat der eine ihr gerade auf den Hintern geguckt? Den mach ich kalt!

Was mit einem großen Schrecken begann, endet so freundlich, wie alles auf Anguilla: die Beamten finden nichts, machen einen großen Bogen um meine unversteuerten Bier-, Rum-, Champagner, Diesel- und Dollar-Vorräte und verabschieden sich bei Diana sichtlich glücklich. Der Eine fragt zu guter letzt, ob wir nicht noch Crew suchen würden, dann würde er anheuern…

Ich sage, wenn er kochen könnte, würde ich´s mir überlegen…

Diana sagt, wenn er putzen könnte, würde sie´s sich überlegen…

Die restlichen Tage vergehen im Flug – zwei Wochen sind um!

Alles, was ich über die Schönheit Anguillas schreiben könnte, würde sich zu kitschig anhören. Aber die wenigen Menschen, die hier leben, sind neben der paradiesischen Insel etwas ganz besonderes, das sei noch einmal erwähnt.

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