Der Pimmelmann von ILe de Pinel

Immer, wenn wir in eine neue Bucht kommen, ist das so ein bißchen wie Umzug. Man zieht in eine neue Gegend mit neuen Nachbarn, man kennt zwar die Stadt, aber irgendwie ist vieles neu und anders. Nicht nur die Umgebung, sondern vor allem die Nachbarn.

Beim „Segel-Umzug“ ist das natürlich ganz besonders krass und schonungslos: da zieht man um in die nächste Bucht und liegt plötzlich ganz dicht neben fremden Menschen, die einen angaffen und aufs Brot schauen.

Und der Mut wurde bezahlt: die Insel ist toll und die Bucht malerisch – aber sehr eng zum ankern. Weil flach und von Riffen umgeben. Also liegen die wenigen Boote alle relativ dicht beieinander.

Als wir ankommen und zwei Ankerversuche wegen des krautigen Untergrundes brauchen, bemerke ich sofort das Nachbarboot. Und seinen Captain: männlich, Mitte 30, ca. 1,65m groß, Fliegersonnenbrille, braun-gebrannt, durchtrainiert und lange blond-gesträhnte Haare, die mit einem Kopftuchband-Gedöns lässig nach hinten gebunden sind. Ungefähr so wie Axl Rose von den GUNS`N ROSES vor 30 Jahren. Und der Mann ist nackt… Ganz nackt.

Während des schwierigen Ankermanövers hoffe ich die ganze Zeit, dass sich Diana jetzt bloß nicht ablenken lässt. Immer wieder muss ich aber zu dem Mann rüber schauen, wie er da steht, ganz aufrecht, breitbeinig und offensiv in unsere Richtung guckend. Er ist nackt. Ganz unverschämt. Zum Glück trage ich meine Sonnenbrille…

Diana hat sich natürlich ablenken lassen und ruft sofort: „Guck mal den da drüben – da ist schon wieder einer ganz nackt!“

Der Hintergrund zum „schon wieder“ ist, dass der Franzose hier grundsätzlich wohl gerne nackt ist. Sehr nackt. Das haben wir seit unsere Ankunft schon häufiger bemerkt. Es gibt hier eine sehr gut ausgeprägte FKK-Kultur. Andere, weniger kulante Leute, würden wohl „aggressive FKK-Kultur“ dazu sagen. Ich wiederum halte mich für recht kulant bis freizügig-liberal und kann einiges ertragen – selbst große Nackt-Tour-Katamarane wie TICO-TICO, auf dem bis zu 30 nackte Touristen hauptsächlich älteren Kalibers für einen Tagestrip zusammengepfercht werden, nur um dann ihre ganze unansehnliche Nacktheit in MEINER Bucht offensiv zur Schau stellen zu können!

Einen Tag auf der TICO-TICO, inklusive Nackt-Segeln?

Der absolute Alptraum für mich! (nicht nur aus hygienischen Gesichtspunkten – denn ich glaube nicht, dass die Plastikkissen, auf denen die Nackten in der Mittagssonne sitzen und schwitzen, abends ordnungsgemäß desinfiziert werden).

Das hier auf ILE DE PINEL aber ging zu weit!

Der nackte neue Nachbar steht breitbeinig am Heck seines Bootes und guckt mich an.

Dann steckt er sich eine Zigarette an und raucht genüsslich.

Und es schwingt dazu passend in Wind- und Wellengang.

Und auch sein Boot ist größer als meins!

Am nächsten Morgen weckt mich Diana ganz aufgeregt: „Der PIMMELMANN ist wieder da und steht an Deck!“

OK – gut – jetzt hat er also einen Namen: der PIMMELMANN – von der ILE DE PIMMÈL quasi!

Doch was ich anfänglich als witzig erachtet hatte, wird schon beim Frühstücken bitterer Ernst: ich sitze angezogen auf meiner 39-Fuß Yacht mit meiner einen Ehefrau beim Frühstück und neben mir kommt der PIMMELMANN aufs Deck seiner 45-Fuß Yacht – gefolgt von zwei nackten Katzen!!!!!!!!!!!!!!!! Beide sind Mitte zwanzig und haben lange schwarze Mähnen-Haare und tragen Metallreifen an den Oberarmen als Schmuck – ansonsten sind sie splitter-faser-pico-bello-TICO-TICO-nackt… 

Der PIMMELMANN guckt zu mir rüber – nackt und siegessicher – fasst sich an seine Wurzel und pinkelt genüsslich über Bord – nicht ohne sich dabei ausgiebig den Piephahn zu zupfen…

„Guck mal, der Pimmelmann pinkelt“, stellt Diana übertrieben desinteressiert und fast beiläufig fest und schlürft weiter ihren Kaffee. So beiläufig, dass es einem fast verdächtig vorkommen könnte.

Wer waren diese beiden Frauen, die auf dem Boot vom PIMMELMANN wohnen? Und warum wohnen die dort? Bzw. bei dem? Was geht da bitte schön vor sich?!

Um uns herum sind noch 5 andere Boote, die vor Anker liegen. In den nächsten Tagen sollte sich ein immer wiederkehrendes Ritual wiederholen: der PIMMELMANN kommt nackt aufs Deck und alle recken sich nach ihm – ganz unauffällig versteht sich. Er steht breitbeinig an Bord und tut so, als ob er all die anderen Boote und Leute gar nicht sieht. Mit Zigarette in der Hand. Oder mit Handy am Ohr. Dann folgen die beiden nackten Mädels, räkeln sich ein bißchen und steigen dann meistens nackt aufs Stand-Up-Paddle – eine Art Surfbrett, auf dem man ganz gerade aufrecht steht und mit einem Paddel stehend paddelt… Nackt sieht das sehr ästhetisch aus – wenn man den Körper dafür hat…

Am Anfang waren alle anderen Leute auf den anderen 5 Booten noch ganz normale Leute, alle angezogen. Doch schon am zweiten Tag konnte man feststellen, dass immer öfter nackte Leute auf den Booten zu sehen waren. Erst kurz, nur beim Waschen oder Duschen, dann immer öfter auch zu Anlässen, zu denen man nicht zwingend nackt sein müsste. Am dritten Tag waren fast alle nackt.

„Hier greift ein Virus um sich!“ denke ich mir. Und ausserdem ist diese Ignoranz des PIMMELMANNS kaum noch zu ertragen: er guckt dich direkt an – und wenn du dann ganz direkt und mutig zurück guckst, tut er so, als ob er dich nicht sieht und zupft sich sein Gemächt zurecht. 

„Das kann so nicht weitergehen!“

Als ich Diana am vierten Morgen frage, ob sie nicht Lust hätte, ab sofort auch nur noch nackt an Bord zu leben und zu segeln, fragt sie mich, ob ich spinnen würde und die Scheidung wolle! Am Abend sitzen wir vorne am Bug und genießen die untergehende Abendsonne. Diana liest und ich fasse endlich den unausweichlichen Entschluss: was der PIMMELMANN kann, kann ich schon längst: auch ich zieh blank! Ab sofort geht´s auch für mich nur noch cabrio unten rum weiter durch die Karibik!

Als Konsens-orientierter Ehemann teile ich Diana meinen Entschluss mit.

„Ab sofort segle ich nackt.“

„Machst Du nicht.“

„Mach ich wohl!“ Und ziehe meine Shorts runter und stehe breitbeinig und nackt am Bug meiner 39-Fuß Yacht, die sich in diesem Augenblick ein paar Zentimeter länger anfühlt. Stolz schaue ich zum PIMMELMANN rüber. Ich versuche seinem Blick standzuhalten. Und denke, ein ganz leichtes, verstecktes, aber anerkennendes Nicken bemerkt zu haben.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang in der Bucht vor ILE DE PINEL.

Ein Motor wird angeschmissen.

Ich stehe an Deck.

Und sehe wie der PIMMELMANN die Bucht verlässt.

Am Bug steht eine seiner nackten Katzen. Sie trägt Handschuhe und Baseball-Cap, bückt sich und holt den Anker hoch.

Ich schaue dem PIMMELMANN hinterher, wie er nackt hinterm Steuerrad steht und direkt über das Riff donnert und in die Abendsonne segelt.

Mann hat der Eier!

„ZIEH DIR SOFORT WAS AN, JÖRN!“ ruft Diana laut, als sie mich nackt an Deck stehen sieht.

„Ok, ist ja schon gut.“

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