Am verkehrten Ende

IMG_5546Die Weihnachtstage sind irre schnell verflogen! Wir waren dafür extra zurück nach Nanny Cay gekommen und haben wieder kostenlos neben „BLONDIE“ in der „PELICAN MARINA“ festgemacht. Die Festtage waren prall gefüllt: lecker Mahi Mahi Essen auf SCOOBY, dann feines Enten-Diner bei Nick und Jayne und am 26. dann das traditionelle Pig Roast bei Colin und Brynley. Die Nacht davor gaben noch Charlie und Dominic ihre Verlobung bekannt, im Sommer 2015 wird also auf den BVIs geheiratet!

Dann kamen auch schon Deborah und Scarlett über Silvester zu Besuch! Das zweite Mal schon und diesmal gab´s auch noch den 50. Geburtstag von Deborah zu feiern. 50 ! – Puh, wie doch die Zeit vergeht. Wir haben tolle Tage mit den beiden Eppendorfer Chinchillas und zeigen ihnen „unsere“ BVIs im Schnelldurchlauf: Benures Bay, Wandern auf Norman Island, einen Painkiller in der Soggy Dollar Bar auf Jost van Dyke, dann Silvester Party im Foxy´s – SCOOBY ist sicher im Päckchen mit dem MANGOMAN von Larry & Elly verschnürt. Weiter geht’s über Sandy Spit nach Guana Island und dann rauf nach Anegada. Hummer-Essen zum Fuffzigsten, Debbie lässt sich nicht lumpen 😉 Und schon war die Zeit auch wieder um und die Frage stellt sich, wo wir die Beiden wohl das nächste Mal wiedersehen?

Ein letztes Mal geht es für uns zurück nach Nanny Cay, die Stimmung an Bord ist ein wenig sentimental und es ist wieder so still geworden. Scarlett ist so groß geworden – und so hübsch! In Nanny Cay wartet aber zum Glück eine Menge Arbeit auf uns, so dass uns wenig Zeit für Trübsal bleibt.

Wir haben uns entschlossen, SCOOBY aus dem Wasser zu heben und ihm einen neuen Antifouling-Anstrich zu verpassen. Dem Guten wachsen schon ganz viele Haare auf seinem Bauch…

Das letzte Mal haben wir diese Arbeiten noch machen lassen – für 10 Dollar den Fuß. Für SCOOBY also 390 Dollar. Dieses Mal wollten wir das selber machen. Nicht um die 390 Dollar zu sparen, sondern um die Arbeiten richtig „deutsch“ durchzuführen. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass man das Ganze besser hätte machen können, vor allem an der Wasserlinie des Bootes, dort wo besondere Kräfte wirken und die Farbe schnell abgeht.

Als ich im Vorfeld dem einen oder anderen davon erzählt habe, dass wir das Antifouling selber machen, haben mich die Leute immer ganz schräg angeguckt. „Echt jetzt?! Warum? Wow!“ war dann immer so eine typische Reaktion. Ich hab mir dann immer gedacht, ach, was wollt ihr denn, ist doch ein Klacks und macht mit Diana bestimmt auch noch richtig Spaß. Und mittlerweile hatte ich auch noch die 390 gesparten Dollars im Hinterkopf.

Also, es konnte losgehen.
Alle Materialen waren gekauft, die Antifouling-Farbe hatte ich bereits letztes Jahr auf St. Martin gekauft. 4 Eimerchen für schlappe 1.200 Dollars… Mir hat mal einer erzählt, dass alles, was mit den „3 Ms“ zutun hat, automatisch doppelt so teuer ist, wie alles andere „normale“ in der Welt. Die 3 Ms? Nah das ist Medizin-, Militär- und eben Marine-Scheiß… Sei´s drum.

Am Freitagmorgen wird SCOOBY also raus gehoben und steht für ein Wochenende an Land. Montagmittag MUSS er wieder ins Wasser. Ist immer wieder aufregend, dieses Rausheben, vor allem nach unserem Erlebnis mit „dem Fall der Virginia B“. Man denkt immer, mögen die Seile und Stahltrossen bloß halten. Oh Mann, bitte, bitte, bitte…
Aber SCOOBY stand sicher an Land und deshalb ging´s hochmotiviert frisch ans Werk.

Der erste Schritt ist die alte Farbe runter zu schmirgeln. Dazu gibt’s grobkörniges, wasserfestes Sandpapier, mit dem man das ganze Schiff abschleift. Während des Schleifens muss man gleichzeitig die alte Farbe abwaschen, weil sich sonst das Sandpapier sofort vollsetzt. In der einen Hand also einen Wasserschlauch, in der anderen Hand das Schmirgelpapier. Dazu Schutzanzug und Atemmaske.

Und dann kein Witz: schon nach 10 Minuten wusste ich, dass dies eine der dümmsten Entscheidungen meines Lebens war! Ich hab gedacht, ich wird nicht mehr. Was für ne Scheiße ist das denn bitte?! Bis Montagmittag fertig werden? No Chance! Und ob unsere Ehe das ganze überstehen würde? War ich mir auch nicht sicher… Denn Diana stand das ganze Wochenende fröhlich lächelnd vor mir, Sandpapier oder Pinsel in der Hand, und fragt mich „Was soll ich machen?“, „Wie geht das?“, „Kannst Du mir das mal zeigen?“ und so weiter und so weiter. Manchmal hatte ich das Gefühl, als ob sie denken würde, SCOOBY ist schon mein fünftes Boot und ich würde alles wissen. Aber das Geheimnis unseres bisherigen Segel-Abenteuer-Erfolges beruht darauf, dass wir beide eben über Boote genau gleich viel wissen. Und nun stand sie freudig Anweisungen erwartend vor mir, wie ein junger Cocker Spaniel mit Stöckchen im Schnäuzchen. Stolz dem Herrchen apportierend, mit dem Schwänzchen wedelnd und signalisierend „Komm wirf das Stöckchen!“.

Ich aber hatte längst begriffen, was hier auf diesem staubigen Boatyard in glühender Karibiksonne für eine verfluchte Scheiße vor uns lag. Denn bei vielen Arbeiten konnte Diana gar nicht helfen, auch wenn sie noch so gerne wollte, weil es einfach viel zu viel Kraft brauchte, die ich selbst kaum hatte. Schon nach einer Stunde tat mir alles weh und ich hatte blutige Finger. Ich bin Uhrmacher-Sohn! Feinmechaniker, verdammt! Meine Laune sank erst auf Null, dann ins Minus! Nach zwei Stunden hat Diana das erste Mal geweint, weil ich sie völlig unqualifiziert wegen irgendeiner Scheiße angeschnauzt hatte. Oh Mann.

Was folgte, waren die schlechtesten drei Tage in unserer Ehe.
Und das lag zu 99% an mir.
Na ja, sagen wir 90%.
75%.

Egal, die Arbeit ging nur Millimeter-weise voran. Und es war kein Ende abzusehen. All die Jahre hatte man sich immer ein größeres Boot gewünscht und plötzlich hätte SCOOBY gut und gerne 10 Fuß kürzer sein können. Dazu war man nach 10 Minuten klitschnass. Getränkt in eine blaue Soße aus schwermetallhaltiger, giftiger Kacke. Und natürlich blies dir dazu ein steifer Wind mit gut und gerne 30 Knoten um die Ohren. Natürlich. Abends taten mir die Ohren und Nieren manchmal so weh, dass ich meine eintausend anderen schmerzenden Stellen fast vergaß.

Wir arbeiteten bis zum Einbruch der Dunkelheit.
Dann erst eine lange, heiße Dusche.
Dann Ganzkörper-Einreibung mit Latschenkiefernöl.
Dann wortlos was Kleines zu essen hoch oben auf einem Boot, das auf dem Trockenen stand.

Beim ersten Morgenlicht ging´s weiter.
Und irgendwann war die alte Scheiße ab und die neue musste drauf.
Und das war kein bißchen besser.
Diese superteure Farbe.
Wenn man mit der vollgetränkten Maler-Rolle vom Topf die 30 Zentimeter auf dem Weg zur Bootshülle war, war die Rolle schon fast eingetrocknet. So schnell trocknet der Scheiß. Und Wind und Sonne tun ihr übriges dazu. Und wehe, wehe, wenn ein Tropfen oder auch mehr daneben geht. Da tropfen dir dann ganz schnell 5-Dollar-Scheine auf den Boden. Das ganze stresst einen total und führte zu einem noch beschissenerem Arbeitsklima. Und sowieso hatte ich nicht den Eindruck, als ob die Farbe fürs ganze Boot und die entsprechend notwendigen Anstreichschichten reichen würde. Und auch Diana kam immer wieder zu mir und fragte „Meinst Du, dass die Farbe reicht?“
„What the fuck, was glaubst du? Woher the fuck soll ich das wissen? Das ist auch mein erstes Boot! Auch mein erstes Antifouling!“
Und als sie mich das zehnte Mal fragte, ob die Farbe wohl reichen würde, war ich kurz davor, sie in der kleinen Pfütze Farbe zu ersäufen, die noch übrig war!

Aber das schlimmste war, dass zwischendurch immer wieder farbige Arbeiter zu uns ans Boot kamen und uns bei der Arbeit zugeguckt haben. Ungläubig lächelnd. Schließlich waren wir die beiden einzigen Kohlweißlinge auf dem ganzen Boatyard, die so eine Drecksarbeit machten. Und dann haben sie immer angeboten, zu helfen. Natürlich gegen Knete. Das kam natürlich aber überhaupt nicht in Frage! Jetzt erst recht – Euch wird ich´s zeigen!

Aber es ging lange schon nicht mehr nur noch um die Ehre des weißen Mannes, sondern auch ums Geld! Denn zwischendurch mussten immer wieder neue Sachen dazu gekauft werden und die Liegegebühren waren auch höher, wenn man selbst Arbeiten an seinem Boot durchführt und sie nicht von Boatyard-Arbeitern machen lässt. Und als noch eine Dose Grundierungsanstrich für den Propeller fehlte (40 Dollar) und uns auch noch die Spraydose mit dem Propeller-Antifouling explodierte (30 Dollar) und deshalb ein neuer Topf Propeller-Farbe hermusste (45 Dollar), war unser Sparbudget von 390 Dollar auf lächerliche 50 Dollar zusammengeschmolzen. 50 Dollar für 3 Tage, geteilt durch zwei Personen. Na ja. Wenn Diana jetzt noch die Scheidung einreichen würde, zu Recht wegen ekelhaft-tyrannischem Ehemann, dann wäre ich definitiv im Minus!

Am Ende aber haben wir uns durchgebissen – wie immer.
Und als SCOOBY wieder am Kran in den Schlaufen hing und sein blitzeblank hellblau gestrichener Kiel behutsam ins Salzwasser eintauchte, hatten wir beide Tränen des Stolzes in den Augen. Natürlich haben wir uns das hinter unseren Sonnenbrillen nicht anmerken lassen und den umherstehenden Arbeitern trotzig zugeschrienen „No, don´t put him back into salt water! Noooooo!“
Alle lachen und wissen ganz genau warum…

Wir waren also wieder überhappy im Wasser und zur Feier des Tages und unseres nahenden Abschieds von den BVIs hatten sich Kevin und Dave ausgedacht, einen Bratwurstgrillabend zu schmeißen. Diana sollte dazu ihren sagenumwobenen schwäbischen Kartoffelsalat beitragen.

Am Morgen des Grillfestes wache ich auf und schaue in den Spiegel und krieg fast das kotzen: meine gesamte linke Schädelseite ist fett angeschwollen, als ob mir Mike Tyson im Schlaf begegnet wäre. Keine Schmerzen, aber superdicke Backe.
Au Backe!
Das Grillfest mit fast 80 Bratwürsten, 15 Gästen, dem leckersten Kartoffelsalat der Welt und literweise Bier fällt für mich komplett ins Wasser und ich bin der erste, der nachhause geht.

Am nächsten Tag steht fest: Mittelohrentzündung! Vermutlich vom Staub, Wind oder Wasser vom Boatyard. Na toll! Eine Woche lang zusätzliche Schmerzen und Diana tropft mir 4 Mal täglich Tropfen ins Ohr. Oh, wie ich das hasse! Bei Diana hingegen habe ich den Eindruck, sie mag mich ganz gerne tropfen…

Dann ist Abschied angesagt und es geht auf zu neuen Inseln.
Mit einem frisch gepinselten Boot.
Ach wie toll!

Zuerst geht´s nach Anguilla.
Fast 30 Knoten Wind von vorne – direkt von vorne, an Segeln ist also überhaupt nicht zu denken – machen den Trip gepaart mit gut 4 Meter hohen Wellen leider zur echten Qual. Schon nach zwei Stunden muss Diana Neptun opfern und das dann die ganze Fahrt über im 2-Stundentakt. Die Arme! Zu dem Wind und den mörderischen Wellen, die das Boot fast zerschlagen wollen, gesellt sich eine stramme Gegenströmung von bestimmt 2 Knoten. Das hat zur Folge, dass wir manchmal nicht mehr als 2 Knoten Fahrt machen und viel, viel länger brauchen, als geplant. Viel länger! Die Nacht will kaum enden, verbraucht fast unsere gesamten Dieselvorräte und der Trip dauert insgesamt fast 24 Stunden.

Die harten Schläge, die SCOOBY die ganze Zeit durch die Wellen ertragen musste, als er immer wieder fast senkrecht von der Wellenspitze hinab ins Tal stürzte und unten ohrenbetäubend aufschlug, haben mich natürlich die ganze Zeit ans Antifouling denken lassen. Wehe, wehe, wenn da was abgeplatzt ist… Dann kotz ich im Strahl!

Also ist das erste, was ich auf Anguilla mache, ins Wasser springen und tauchen, um das Boot von unten zu inspizieren.
Und, ok, alles sieht gut aus…
Gut, ok soweit…

Nur als ich hinten wieder ankomme und mein Blick noch auf den Propeller fällt, wird mir ganz schlecht. Da ist doch tatsächlich die Hälfte der neuen Farbe abgeblättert… Was für ne Scheiße! Denn das heißt: wir müssen das Boot irgendwo wieder raus heben (ca. 400 Dollar), Propeller abschleifen, grundieren (ca. 30 Dollar) und neu streichen (ca. 40 Dollar). Und natürlich dafür Liegegebühren an Land bezahlen. What a fuck!

Jetzt sind wir definitiv weit im Minus.
Sehr weit!
Das würde ich dann mal „Am verkehrten Ende gespart“ nennen!

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Ein Gedanke zu „Am verkehrten Ende

  1. ach jörn, tjaja, sparen ist gut, prassen manchmal besser. Ich kenne aber noch andere Menschen, die Antifouling auch selfmade gemacht haben:))))
    Diana liebt dich trotzdem:))))

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