Eppendorfer Chicas an Bord

Nach dem schrecklichen Heiligabend konnten wir es kaum erwarten, am 25. endlich ein bisschen besinnliche Weihnachtsstimmung zu genießen. Schon am späten Nachmittag saßen wir gestriegelt und gekämmt im „Belle Epoche“, um einen wunderschönen Abend zu verbringen. Zweiter Anlauf quasi.

Doch auch daraus wurde nichts! Diesmal hatte Mutter Natur etwas dagegen…

Wir sitzen also am schönsten Tisch draussen direkt am Steg unter einer wunderschönen Palme und schlürfen unseren Rotwein. Plötzlich und ganz unerwartet springt Diana von oben eine mindestens 10 Zentimeter Riesen-große Kakerlake mitten auf den Kopf und krallt sich in ihrem Haar fest. Das Ding hatte sie ganz frech und ganz bewusst vom Palmenzweig direkt über ihr angesprungen. An dieser Stelle muss ich wohl kaum erwähnen, dass Diana Kakerlaken abgrundtief HASST. Und diese Kakerlake war ganz besonders dreist. Diana schüttelt sich und rüttelt sich, doch das Biest sitzt fest. Erst mit roher Gewalt kriegt sie das blutrünstige Ding abgerissen und kann es wegschnicken. Nur damit das Viech direkt im tiefen Ausschnitt ihrer Bluse landet… Au Backe!

Im Anflug eines hysterischen Anfalls springt Diana auf und windet und wendet sich! Und siehe da, das fürchterliche Ding springt in einem großen Satz aus ihrer Bluse und landet direkt auf dem Holzsteg, der vorm Restaurant verläuft. Da steht eine Gruppe schaulustiger Mädchen, alle zwischen 12 und 14, alle im Minirock, alle mit Flip-Flops. Die Mörder-Kakerlake springt mit zwei, drei gewaltigen Sätzen auf diese Gruppe zu und springt dem ersten Mädchen aggressiv den Knöchel hoch! Die kreischt panisch los und alle anderen Mädels mit. Wild um sich schlagend und wie um ihr Leben rennend verschwinden die Mädels lautstark in der Dunkelheit…

Der Tag war gelaufen. Auch heute wollte keine Weihnachtsstimmung mehr aufkommen.

Am 26. haben wir uns dann gestritten. Ich weiß nicht mehr warum, geschweige denn worum es ging. Diana jedenfalls heult und verschwindet den halben Tag in ihrer Kabine.

Na toll! Fröhliche Weihnachten!

Es konnte also nur noch besser werden. Und eine Chance dafür gab es auch gleich, denn die Eppendorfer Chicas hatten sich zum Besuch über Silvester angesagt! Deborah und Scarlett, meine 10-jährige Patentochter! Wie würden sich die beiden unerfahrenen Landratten auf hoher See machen? Und wie würden die beiden GUCCI-Glitzergirls mit dem harten, enthaltsamen Bootsleben klarkommen?

Leider verhieß der Wetterbericht zunächst nichts Gutes. Es war viel Wind angesagt, immer noch, und dazu kamen 4,80 Meter hohe Wellen aus Nord. Keine guten Bedingungen für Anfänger, aber vor allem keine guten Ankerbedingungen für Buchten, in die diese Wellen fast ungebrochen rein rollen würden.

Die ersten beiden Tage verbringen wir dann also schwimmend im Hafen von MARIGOT, machen einen Landausflug zum Layla´s und ergötzen uns an zwei kulinarischen Grill-Orgien, deren Höhepunkt ein ganzer, fangfrischer Thunfisch ist…

Dann geht´s los. Wind und Wellen sind zwar immer noch stark – in Böen bis 30 Knoten – aber schließlich wollen wir auch was sehen. Die erste Bucht, die wir nur mit unserem gerefften Großsegel anlaufen, ist gesperrt. Rote Flaggen am Strand. Riesige Wellenberge rollen ungebremst auf den Strand. Da ist an eine Anlandung mit Dinghy nicht zu denken. Auch die Bucht daneben ist menschenleer. Wir fahren also weiter und ankern in GRAND CASE, der verschlafenen Gourmet-Hauptstadt der Insel. Hier verbringen wir Silvester! Wenn wir schon nicht segeln können, dann hauen wir uns wenigstens unsere Wampen voll!

In der Bucht bringe ich Scarlett erstmal das Dinghy-fahren bei. Und siehe da, das Kind ist ein Naturtalent! Nichts da von wegen schüchternes, kleines Mädchen im pink-farbenen Prinzessinnen-Kleidchen. In dem Mädchen steckt eine echte Rockerbraut! Sie fährt super-gut und viel zu schnell. Die letzte Fahrt endet mit einer Kollision eines ankernden Fischerbootes. Frontal. Wir schreien und lachen und haben den Spaß unseres Lebens!

Silvester verbringen wir in einer Strandbar und bestaunen das Feuerwerk auf der Nachbarinsel ANGUILLA. Am dunkelschwarzen Horizont steigen in zehn, fünfzehn Meilen Entfernung immer wieder winzige Lichterfontänen aus dem Meer empor! Wie kleine Blümchen wachsen sie in den Nachthimmel und sind im nächsten Augenblick auch schon wieder verblüht. Noch nie habe ich ein so winziges Feuerwerk gesehen, aus einer derartig großen Entfernung. Sehr beruhigend und sehr friedlich – das Jahr fängt gut an!

Am Neujahrstag segeln wir raus. Die Passage zwischen St. Martin und Anguilla hoch, Richtung Nord-Ost. Wir haben viel Wind und hohe Wellen. In dem Augenblick, in dem unsere beiden Gäste es mit der Angst oder der Seekrankheit zu tun bekommen, tauchen wie bestellt zwei Delphine auf! Sie begleiten SCOOBY eine Weile und tauchen verspielt immer wieder unter seinem Bug hindurch. Magische Augenblicke, Scarlett ist vollkommen aus dem Häuschen!

Deborah´s Geburtstag wollen wir auf der kleinen Insel ILE DE PINEL verbringen. Frühmorgens brechen wir auf, um die schwierige und manchmal gefährliche Riffeinfahrt noch vor 13:00 Uhr zu meistern, damit wir die Sonne von hoch oben haben. Auf dem Weg dorthin bauen sich immer höhere Wellen auf. Über 4 Meter. Scarlett übernimmt das Steuer und peitscht SCOOBY mit über 7 Knoten Fahrt durch die Wellen bis kurz vor das Riff – das Mädchen ist unglaublich. Doch schon aus einigen hundert Metern Entfernung erkennen wir, dass die Einfahrt für uns heute verschlossen bleibt. Riesige Wellenberge rollen aus dem Atlantik ungebremst über das Riff links und rechts. In der Mitte ein kleiner, stürmischer Kanal. Unser Segel-Guide schreibt: „Versuchen sie die Einfahrt niemals bei mehr als 20 Knoten Wind. Niemals. Behalten sie immer mindestens 25 Fuß Wassertiefe. Im letzten Jahr sind alleine hier 6 Segelyachten auf dem Riff verloren gegangen.“.

Wir haben mehr als 20 Knoten Wind und die Wellen sind die größten und gewaltigsten, die wir bisher auf unserer Reise gesehen haben. Da kommen wir nie im Leben lebendig durch! Ohne lange zu überlegen oder zu diskutieren rufe ich Diana zu: „Dreh ab! Wir schaffen das nicht! Dreh ab!“

Wir drehen aufs offene Meer zurück und laufen ILE TINTAMARRE an. Eine kleine, unbewohnte Insel, die St. Martin vorgelagert ist. In der Wind- und Wellen-abgewandten Seite gehen wir vor Anker und beginnen mit den Geburtstagsfeierlichkeiten: Rosé Champagner und ein Grillfest am Strand mit saftigen Steaks! Bis tief in die Nacht wird geschlemmt, bis die Hälfte der Mannschaft am Strand einschläft. Happy Birthday, Deborah!

Den Rückweg treten wir nach 2 schönen Strand- und Wandertagen an und stoppen für zwei Schlemmerabende im BLUE MARTINI in GRAND CASE.

Etwas wehmütig bringe ich die Beiden dann mit dem Dinghy zum Flughafen zurück.

Die haben sich gut geschlagen, denke ich. Sehr gut.

Und Scarlett ist groß geworden…

Und ich alt.

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